{"id":2763,"date":"2015-08-07T14:01:17","date_gmt":"2015-08-07T12:01:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.euroakademie.de\/magazin\/?p=2763"},"modified":"2025-12-10T08:47:18","modified_gmt":"2025-12-10T07:47:18","slug":"wer-entscheidet-ueber-leben-und-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroakademie.de\/magazin\/wer-entscheidet-ueber-leben-und-tod\/","title":{"rendered":"Wer entscheidet \u00fcber Leben und Tod?"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t<![CDATA[<strong>Sterbehilfe: Ab wann ist das Sterben auf Verlangen erlaubt? Der deutsche Bundestag debattiert \u00fcber vier Gesetzesentw\u00fcrfe.<\/strong>\n\nEin Thema, das gern in Schweigen geh\u00fcllt wird, besch\u00e4ftigt derzeit nicht nur den Bundestag, sondern auch die Medien und die Gesellschaft: der Tod auf Verlangen. Was ist, wenn Sie nicht mehr in der Lage sind, allein \u00fcber sich und Ihren K\u00f6rper zu bestimmen? Was, wenn Sie eine schwere Krankheit davon abh\u00e4lt, das Leben zu genie\u00dfen und Sie in Schmerzen und Leid h\u00fcllt. W\u00fcrden Sie sich f\u00fcr oder gegen die Sterbehilfe aussprechen?\n\nDieser schwerwiegenden Entscheidung nimmt sich derzeit der Bundestag an und debattiert \u00fcber eine neue Gesetzesregelung zum Thema Sterbehilfe. Vier Gesetzesentw\u00fcrfe liegen bereits vor. Die Vorschl\u00e4ge reichen von dem v\u00f6lligen Verbot bis hin zum liberalen Umgang mit dem Tod auf Verlangen.\n\n\n<h2>Was bedeutet eigentlich Sterbehilfe und ab wann ist sie strafbar?<\/h2>\n\n\nDie Sterbehilfe wird in Deutschland immer wieder h\u00e4ufig diskutiert. Doch um sich eine objektive Meinung zu diesem anspruchsvollen Thema bilden zu k\u00f6nnen, hilft es, die vier grunds\u00e4tzlich unterschiedenen Formen der Sterbehilfe zu kennen.\n\n\n<ol>\n \t\n\n<li><strong>Passive Sterbehilfe:<\/strong> Unter der passiven Sterbehilfe ist das Sterbenlassen auf Wunsch des Patienten zu verstehen. Sie basiert in der Regel auf einer Patientenverf\u00fcgung und meint den Verzicht auf lebensverl\u00e4ngernde Ma\u00dfnahmen, wie beispielsweise eine k\u00fcnstliche Ern\u00e4hrung, Beatmung oder die Gabe lebensnotwendiger Medikamente. Die passive Sterbehilfe ist in Deutschland nicht strafbar.<\/li>\n\n\n \t\n\n<li><strong>Aktive indirekte Sterbehilfe:<\/strong> Die aktive indirekte Sterbehilfe sieht die Vergabe von starken schmerzlindernden Medikamenten vor, die die Lebenserwartung der Patienten verk\u00fcrzt. In Krankenh\u00e4usern ist dies die Vergabe von Opiaten, die die Schmerzen sowie die Angst lindern, jedoch auch die Atmung einschr\u00e4nken. Diese Art der Sterbehilfe ist in Deutschland nicht strafbar. Hingegen ein Nichtverabreichen von Beruhigungsmitteln mit der Begr\u00fcndung, nicht den vorzeitigen Tod des Patienten herbeif\u00fchren zu wollen, kann nach dem h\u00f6chsten deutschen Strafgericht sogar als K\u00f6rperverletzung oder unterlassene Hilfeleistung strafrechtlich verfolgt werden.<\/li>\n\n\n \t\n\n<li><strong>Beihilfe zum Suizid:<\/strong> Ein Selbstmord sowie die Beihilfe dazu ist derzeit in Deutschland nicht strafbar. So kann das Verschreiben oder Organisieren von Medikamenten, die den Tod hervorrufen, juristisch nicht geahndet werden, wohl aber eine unterlassene Hilfeleistung.<\/li>\n\n\n \t\n\n<li><strong>Aktive direkte Sterbehilfe:<\/strong> Die aktive direkte Sterbehilfe umfasst die T\u00f6tung auf Verlangen, etwa durch die \u00dcberdosis eines Narkosemittels. Der eigentliche Tathergang erfolgt nicht \u2013 wie bei der Beihilfe zum Suizid \u2013 durch den Patienten, sondern liegt bei einer anderen Person, wie dem Arzt oder Angeh\u00f6rigen. Diese Art der Sterbehilfe ist in Deutschland und vielen anderen L\u00e4ndern weltweit strafbar. Lediglich die Niederlande, Belgien, Luxemburg und der US-Bundesstaat Oregon bilden hier eine Ausnahme.<\/li>\n\n\n<\/ol>\n\n\n\n\n<h2>Wer darf \u00fcber Leben und Tod entscheiden? Argumente f\u00fcr und gegen die Sterbehilfe.<\/h2>\n\n\nIn der Frage, ob die Beihilfe zum Suizid m\u00f6glich sein sollte oder nicht, gehen die Meinungen weit auseinander. Ein Suizidversuch ist nicht strafbar. Die Beihilfe dazu soll es zuk\u00fcnftig sein. Das Argument der Gegner ist eindeutig: Niemand darf \u00fcber Leben oder Tod eines Menschen entscheiden. Diese sei allein dem Schicksal vorbehalten. Die Bef\u00fcrworter der Sterbehilfe argumentieren jedoch, jeder Mensch d\u00fcrfe f\u00fcr sich selbst entscheiden. Jeder Mensch habe ein Recht darauf, in W\u00fcrde zu sterben, ohne Schmerzen. Insbesondere dann, wenn seine Situation ausweglos und von Qualen und menschenunw\u00fcrdigem Leben gepr\u00e4gt ist. Doch was ist menschenunw\u00fcrdiges Leben? Nicht mehr f\u00fcr sich selbst sorgen zu k\u00f6nnen? Nicht mehr selbst die K\u00f6rperpflege \u00fcbernehmen zu k\u00f6nnen? Gegner der Sterbehilfe sind der festen \u00dcberzeugung, dass der Suizidgedanke auf problematische Werte in der Gesellschaft zur\u00fcckzuf\u00fchren sei: Die Beurteilung der Menschen nach ihrer Leistung. Der richtige Weg sei das Wandeln eben dieser Werte, nicht die Legalisierung des assistierten Suizids.\n\nWer also liegt richtig? W\u00e4hrend die eine Seite davon \u00fcberzeugt ist, dass auch derjenige, der nicht mehr in der Lage ist, sich das Leben zu nehmen, hier\u00fcber selbst entscheiden d\u00fcrfen sollte, ist die andere Seite der festen Meinung, niemand d\u00fcrfe Gott spielen und hier\u00fcber bestimmen. Gegen einen qualvollen Tod g\u00e4be es andere Wege.\n\nIn einem Punkt sind sich jedoch beide Seiten einig: Die Palliativmedizin sowie die Hospizversorgung in Deutschland muss verbessert werden. Jeder hat Angst vor einem schmerzhaften Tod. Insbesondere dann, wenn eine schwere unheilbare Krankheit diesen bereits ank\u00fcndigt. Mit einer ausgebauten und gut strukturierten Palliativmedizin muss niemand mehr Schmerzen, \u00dcbelkeit oder Angst empfinden. In einer verbesserten Hospizversorgung ist ein menschenw\u00fcrdiges Ende mit einer relativ hohen Lebensqualit\u00e4t m\u00f6glich. Ob diese Ma\u00dfnahmen erg\u00e4nzend oder als Ersatz der Sterbehilfe dienen sollen, dar\u00fcber scheiden sich die Geister.\n\n\n<h4>Vier Gesetzesentw\u00fcrfe, vier Meinungen<\/h4>\n\n\nDie Gesetzesentw\u00fcrfe, die derzeitig vom Bund debattiert werden, konzentrieren sich ausschlie\u00dflich auf die Grauzone der Sterbehilfe: der Beihilfe zur Selbstt\u00f6tung. Auch dabei gehen die Meinungen weit auseinander.\n\n<em>Renate K\u00fcnast (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen)<\/em> pl\u00e4diert in ihrem <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/18\/053\/1805375.pdf\">&#8222;Entwurf eines Gesetzes \u00fcber die Straffreiheit der Hilfe zur Selbstt\u00f6tung&#8220;<\/a> daf\u00fcr, die seit 1871 geltende Straffreiheit von Beihilfe zum Suizid positivrechtlich festzuschreiben. Darin inbegriffen seien sowohl \u00c4rzte als auch Organisationen und Vereine. \u201eWir m\u00f6chten Rechtssicherheit f\u00fcr \u00c4rzte schaffen, die sich heute in der Grauzone befinden,\u201c so K\u00fcnast.\n\nEinen \u00e4hnlichen Entwurf legt <em>Bundestagsvizepr\u00e4siden Peter Hinze (CDU\/CSU)<\/em> vor, setzt hierbei jedoch &#8222;eine irreversible, t\u00f6dliche Krankheit voraus, deren voraussehbares Leiden ein Patient durch Suizid abwenden m\u00f6chte&#8220;, hei\u00dft es darin. (<a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/18\/053\/1805374.pdf\">&#8222;Gesetzesentwurf zur Regelung der \u00e4rztlich begleiteten Lebensbeendigung\u201c<\/a>).\n\nDer mit \u00fcber 200 Abgeordneten am st\u00e4rksten unterst\u00fctzte <a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/18\/053\/1805373.pdf\">&#8222;Entwurf eines Gesetzes zur Strafbarkeit der gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigen F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung&#8220;<\/a> von <em>Michael Brand (CDU\/CSU) <\/em>sieht vor, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige Beihilfe zur Selbstt\u00f6tung durch \u00c4rzte, Einzelpersonen oder Organisationen unter Strafe zu stellen, unabh\u00e4ngig davon ob diese Beihilfe mit kommerzieller oder nichtkommerzieller Absicht erfolgt. Die Hilfe zur Selbstt\u00f6tung sei damit nur in Einzelf\u00e4llen durch Angeh\u00f6rige oder nahestehenden Personen erlaubt. Er schlie\u00dfe damit lediglich die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige Sterbehilfe aus. \u201eNicht mehr und nicht weniger,\u201c so Brand.\n\n<em>Prof. Dr. Patrick Sensburg (CDU\/CSU)<\/em> hat den <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/18\/053\/1805376.pdf\">\u201eEntwurf eines Gesetzes \u00fcber die Strafbarkeit der Teilnahme an der Selbstt\u00f6tung&#8220;<\/a> verfasst, der jegliche Beihilfe zum Suizid untersagt \u2013 ganz gleich ob dieser gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfiger oder privater Natur ist. Die passive Sterbehilfe hingegen bleibt auch in diesem Entwurf unber\u00fchrt.\n\nSo unterschiedlich die Entw\u00fcrfe in ihren Details sind und so vielseitig die Meinungen der Bef\u00fcrworter und Gegner ausfallen, l\u00e4sst eine Einigung noch etwas auf sich warten. Am 23. September 2015 findet voraussichtlich die n\u00e4chste \u00f6ffentliche Anh\u00f6rung im Ausschuss f\u00fcr Recht und Verbraucherschutz statt. Bis dahin wird sich weiterhin beraten.\n\n\n<h2>Die zwei Seiten der Medaille<\/h2>\n\n\nDie Sterbehilfe ist ein sehr gewichtiges Thema das immer wieder Wellen im Bundestag, aber auch in der Gesellschaft schlagen wird. D\u00fcrfen Menschen wirklich Gott spielen? Ist der vorzeitige Tod wirklich der einzige Ausweg? Und was ist mit dem Ziel, Sterbende so zu begleiten, dass gar kein vorzeitiger Todeswunsch aufkommt? Doch wer sind wir, einer sterbenskranken Person den letzten Wunsch, in W\u00fcrde zu sterben, zu verwehren? Ist es nicht anma\u00dfend, dieser Person dem Leid uneingeschr\u00e4nkt auszusetzen? F\u00fcr das deutsche Strafrecht wird bald eine L\u00f6sung gefunden werden. In ethischer Hinsicht wird es wohl immer zwei Seiten ein und derselben Medaille geben.\n\n<em>Quelle: Deutscher Bundestag<\/em>]]>\t\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\t\t\t\t<![CDATA[]]>\t\t<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":7257,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[82,16],"tags":[2017,7903,8326],"class_list":["post-2763","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-branchennews","category-gesundheit-pflege","tag-deutscher-bundestag","tag-sterbehilfe","tag-tod-auf-verlangen"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v23.5 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Sterbehilfe: Wer entscheidet \u00fcber Leben und Tod?<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Sterbehilfe: Ab wann ist das Sterben auf Verlangen erlaubt? 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