Eine Ausbildung beginnen – das stellt eine tiefgreifende Veränderung im Leben von jungen Menschen und zweifellos einen der größten Schritte dar, zu denen sie sich aktiv entschließen können. Drei ehemalige Auszubildende unserer Berufsfachschule für Sozialassistenz berichten jetzt in Interviews mit einer ihrer damaligen Lehrkräfte von der sie prägenden Zeit an der Euro Akademie Berlin – ausführlich, anschaulich und vor allem authentisch.
Ausbildung mit Babypause und Corona (Aileen)
Aileen wurde während ihrer Ausbildung Mutter und hat ihren Abschluss während des zweiten coronabedingten Lockdowns gemacht. Wir sprachen mit ihr über die Pause, den Wiedereinstieg und die Herausforderungen während der Ausbildungszeit.
Liebe Aileen, Sie haben im Januar 2021 Ihren Abschluss als Sozialassistentin an unserer Schule gemacht und waren sogar eine der Jahrgangsbesten. Das ist wirklich sehr beeindruckend, da Sie ja unter besonderen Bedingungen gearbeitet haben. Was waren das denn für Bedingungen und wie sind Sie damit zurechtgekommen?
Genau. Erst einmal fand ich es super von der Schule, dass ich nach anderthalb Jahren Pause wieder einfach so einsteigen konnte und in eine neue Klasse gekommen bin.
Sie sind innerhalb der Ausbildung schwanger geworden.
Das stimmt. In meinem letzten Ausbildungsjahr beziehungsweise Halbjahr bin ich schwanger geworden und habe nach diesem Halbjahr deshalb anderthalb Jahre Pause gemacht. Nach dieser Zeit konnte ich glücklicherweise ganz normal mit dem vierten und somit letzten Halbjahr weiter machen und die Ausbildung beenden.
Und wie ist Ihnen dieser Einstieg gelungen, immerhin war Ihre Tochter ja noch wirklich sehr klein?
Wir hatten sehr viel Glück mit der Kita, da die Eingewöhnung meiner Tochter relativ schnell ging. […] Ich muss gestehen, dass ich vor meiner neuen Klasse doch etwas Angst hatte, da sich die anderen ja schon eine Weile kannten und bereits eine Klassengemeinschaft hatten und ich erst im letzten Halbjahr dazukam. Ich wurde allerdings echt gut aufgenommen und konnte mich deshalb auch recht schnell wieder daran gewöhnen. […]
Hatten Sie denn private Unterstützung, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung? Denn es geht ja nicht nur um die Zeit, in der Sie in der Schule waren, sondern auch um Prüfungsvorbereitungen, Lernen für Tests und Klausuren, Hausaufgaben und solche Dinge.
Da die Familien von mir und meinem Mann leider etwas weiter weg wohnen, konnten die nur schwer auf die Kleine aufpassen, weshalb sich mein Mann um sie gekümmert hat, bis ich wieder zu Hause war. Gelernt habe ich also erst abends, wenn sie schon geschlafen hat, auch, wenn das zum Teil ganz schön anstrengend war. […] Ich habe mir zum Beispiel eine Menge Merkzettel geschrieben und in den Prüfungsfächern habe ich mir eine Zusammenfassung der Themen in ein eigenes Buch geschrieben und damit abends gelernt. […]
Deshalb war ich unfassbar beeindruckt, als Sie die einzige Eins der Klasse in der Abschlussklausur hatten. Respekt! Wie geht es denn jetzt nach dem Abschluss der Ausbildung für Sie weiter?
Anfang Februar habe ich erstmal angefangen, in einem Kindergarten als Sozialassistentin zu arbeiten und habe dann vor, die Erzieherausbildung zu machen, wenn die Kleine etwas größer ist.
Wie war das eigentlich für Sie, als wir alle ins Homeschooling mussten?
Das mit dem Online-Unterricht war natürlich eine große Umstellung und Herausforderung, besonders, da die Kitas ja auch geschlossen hatten und wir kurz vor den Prüfungen standen. Wir hatten allerdings das Glück, dass ich durch das Praktikum im ersten Halbjahr die Kita-Leitung kannte und ich unsere Tochter deshalb in die Notbetreuung schicken konnte.
Das ist wirklich praktisch. Was für Tipps würden Sie jetzt anderen Müttern und Vätern in der Ausbildung geben, wie sie Schule und Kinderbetreuung gut organisieren können?
Ich würde auf jeden Fall sagen, dass sie sich trotzdem möglichst viel Zeit für ihre Familie und auch für sich nehmen sollen und am besten auch abends lernen, wenn das Kind schläft.
Erfolgreich umgesattelt: Vom Konditor zum Kinderheld (Dennis)
Dennis arbeitete einige Jahre als Konditor, bevor er sich mit 27 dazu entschloss, eine Zweitausbildung zum Sozialassistenten an der Euro Akademie zu absolvieren. Seine Ausbildung bei uns schloss er im Januar 2020 ab.
Dennis, Sie haben im Januar 2020 bei uns sozusagen „allein unter Frauen“ sehr erfolgreich Ihren Abschluss als Sozialassistent gemacht. Was Sie von vielen anderen Auszubildenden bei uns unterscheidet, ist, dass Sie vorher schon eine abgeschlossene Berufsausbildung hatten, in der Sie auch mehrere Jahre gearbeitet haben, bevor Sie zu uns kamen. Was hat Sie bewogen, noch einmal neu anzufangen?
Meine Zeit als Konditor ist ziemlich hart gewesen. Man hatte eine Arbeitszeit von minimal 10 und maximal 12 Stunden, dazu kam Nachtarbeit, Wochenend- und – Feiertagsarbeit, meist auch mehr als sieben Tage am Stück. Der Umgangston war sehr grob und beleidigend, Wertschätzung gab es nicht, oder nur extremst selten. An sich habe ich gerne Torten, Pralinen und Ähnliches hergestellt. Und da ich durch meine Jugend die harte Arbeit stemmen konnte, war es Jahre lang kein Problem für mich. Aber ich bemerkte irgendwann, dass ich nicht mehr glücklich war und mir was fehlte. Auch wurde dieses Gefühl immer größer, was für andere tun zu wollen und wirksam zu werden. Ich dachte immer, ich sei mit 27 Jahren zu alt für einen beruflichen Wechsel, aber meine Freundin klärte mich auf und so fing ich an mich zu bewerben.
Wie haben Sie die zwei Jahre der Sozialassistentenausbildung bei uns erlebt?
Ich habe viele neue Eindrücke gewonnen. Ich ging mit einer Haltung in die Ausbildung und hatte das typische Bild von Lehrern im Kopf, aber schnell wurde mir klar, dass die Lehrer für die Schüler da sind und nicht gegen die Schüler sind. Auch bei Problemen haben sie geholfen. […] Die Lehrer haben mich wirklich sehr unterstützt und waren jederzeit hilfsbereit.
Wie ging es danach für Sie weiter?
Danach ging es direkt in die duale Ausbildung zum Erzieher und diese mache ich in einer Wohngruppe in einem Heim. Auch schulisch habe ich gemerkt, dass der Sozialassistent mich gut vorbereitet hat auf die Ausbildung. Ich kann diese nur weiterempfehlen.
Was macht Ihnen an Ihrer jetzigen Tätigkeit besonders Freude?
Mich freut es, dass ich hier so viel bewirken kann. Ich mache viele Angebote individuell für die Kinder und die werden dankend angenommen. Auch ist es die Beziehungsarbeit, die ich sehr schön finde.
Gibt es etwas, was Sie den Männern in unserer Ausbildung mit auf den Weg geben können?
Haha, ich weiß nicht, was ich empfehlen soll, bis auf: „Wenn ihr Lust und Interesse an diesem Job habt, dann macht ihn einfach.“
Von der Ausbildung zum Studium: „Ich wollte es den Leuten beweisen“ (Betül)
Etwas mehr als ein halbes Jahrzehnt nachdem sie als Schulabbrecherin die SoA-Ausbildung an der Euro Akademie Berlin aufgenommen hatte, hat Betül mittlerweile einen ersten Studienabschluss in der Tasche. Zwischen diesen beiden Meilensteinen hat sie in auch ihr Fachabitur bei uns gemacht.
Betül, vor einer Weile haben Sie uns eine E-Mail geschickt, um uns davon zu berichten, dass Sie, nachdem Sie vor 5 Jahren bei uns die Sozialassistentenausbildung abgeschlossen haben, inzwischen mit Ihrem Studium fertig sind. Meinen Glückwünsch. Darüber haben wir uns alle wirklich sehr gefreut. Wie haben Sie denn Ihre Ausbildung bei uns in Erinnerung?
Also, wenn ich zurückdenke, da war ich ja noch ziemlich jung, da war ich 17. Da war ich noch in der Pubertät und hatte auch nicht immer die Schule im Kopf. Ich hatte auch schon zwei Schulwechsel davor. Ich war auf einem Gymnasium, habe dann in der Neunten aber abgebrochen, weil das eine Privatschule war und da lief das nicht alles wie geplant. Dann ging ich eben als Schulabbrecherin da raus und dann war ich auf der Suche, jetzt muss irgendwie eine Ausbildung her, sonst wird das gar nichts. Meine Familie war da auch sehr hinterher. Es hieß immer „Du bist doch so ein kluges Mädchen und jetzt hast du die Schule abgebrochen.“ Und dann kam ich zur Sozialassistenz durch Freunde und Bekannte. Das war für mich damals sehr anspruchsvoll, weil da ja nicht nur Mathe und Englisch dabei war, sondern auch Pädagogik und viel Anatomie. Ich glaube, Frau Lipka war das damals bei uns. Es war sehr anstrengend, und man musste sich sehr zusammenreißen und das durchziehen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht zusammengerissen hätte.
Was hat Ihnen denn damals geholfen, sich zusammenzureißen?
Ich hatte meinen Eltern gegenüber die Pflicht, etwas zu beenden und etwas in der Hand zu haben. Sie hatten da recht hohe Erwartungen. Meine Eltern haben bis jetzt zum Ende meines Studiums viel in meine Bildung investiert und darum gekämpft, damit aus mir etwas Vernünftiges wird. Auch meine Freundinnen in der Klasse haben mir sehr geholfen. Wir waren eine sehr gute und angenehme Gruppe. […] Ich habe auch noch viele Freundschaften, die aus der Zeit bis heute geblieben sind. Ich habe mit ihnen auch nach der Sozialassistentenausbildung mein Fachabitur gemacht. […]
Sie sind also als komplette Gruppe aus der Sozialassistentenausbildung gemeinsam ins Fachabitur hier bei uns im Haus gegangen. Wie war denn der Unterschied im Anspruch? Manche Schüler*innen haben Angst ins Fachabitur zu gehen, weil sie denken, sie schaffen es nicht.
Die Angst braucht man eigentlich nicht zu haben. Klar, es wird mehr von einem erwartet. Mathe geht tiefer, Englisch wird anspruchsvoller, aber es ist nichts, was man nicht schaffen kann. Denn auch da stehen die Dozent*innen hinter einem, haben alles versucht, dass wir alles verstehen und alles schaffen. […]
Nach dem Fachabi haben Sie sich ja sogar getraut ins Studium zu gehen. Das ist ja nochmal eine ganz andere Hausnummer.
[…] Mein Umfeld und gerade meine Familie waren immer total dafür, dass ich studiere, aber keiner hatte dann Ahnung, was ich mit diesem Abschluss auch wirklich studieren kann. Dann haben wir uns alles angeschaut – Kindheitspädagogik, Erziehungswissenschaft und soziale Arbeit. Und dann war es so, dass ich ja in der sozialen Arbeit ein sehr breites Spektrum an Möglichkeiten habe, wo ich mich dann später beruflich bewegen möchte und daher habe ich mich dafür entschieden, soziale Arbeit zu studieren.
Und Sie haben Ihr Studium in drei Jahren abgeschlossen?
Ich habe ein halbes Jahr verlängert wegen Corona, weil die Bibliotheken geschlossen hatten und ich habe in der Zwischenzeit geheiratet, das war alles ein bisschen viel. Ich habe gerade heute meine Note für meine Bachelor-Arbeit bekommen – eine 1,7. Ich habe fast geweint. Ich war sehr erleichtert, dass ich das jetzt hinter mir habe.
Wow, was für ein tolles Ergebnis. Meinen Glückwunsch. Worüber haben Sie Ihre Arbeit geschrieben?
Über innerfamiliäre Gewalt und die psychiatrische und sozialarbeiterische Begleitung, wie das gut miteinander kombiniert werden kann. […] Ich arbeite jetzt auch mit Kindern und Jugendlichen. Das sind einfach viele Dinge zum Thema Gewalt, die man einfach wissen muss, wenn man mit Kindern und Jugendlichen arbeitet. […]
Wo genau arbeiten Sie denn jetzt?
Das ist ein ambulanter Kinder- und Jugendhilfeträger, der mit dem Jugendamt zusammenarbeitet. Und wir gehen in Familien und schauen, wie wir ihnen helfen können. […]
Wenn Sie jetzt unseren aktuellen Auszubildenden etwas mit auf den Weg geben würden, was ihnen helfen kann, diese Ausbildung durchzuziehen, was würden Sie ihnen [sagen]?
Also, ich hatte einige Personen, die mir gar nichts zugetraut haben, ehrlicherweise sogar meine eigene Mutter damals. Und von mir war das dann so eine Trotzreaktion, ich wollte es den Leuten beweisen. Und wenn man dann doch in Stress gerät, zum Beispiel vor Prüfungen, sich dann daran erinnern, dass man es für sich selbst macht und dass man es Menschen, die es einem nicht zugetraut haben, beweisen kann, dass man mehr ist, als von einem gedacht wird. […] Und wenn es gerade mal nicht so läuft, dann selber schauen, was man verändern kann und nicht stehen bleiben und warten, dass sich von alleine etwas verändert. […] Man braucht auch manchmal einfach den Mut, sich darauf zu stürzen und zu sagen: “Ich mache das jetzt einfach.“
So verschieden und doch so ähnlich
Wir haben uns sehr darüber gefreut, von den drei Erfolgsgeschichten unserer ehemaligen Auszubildenden zu erfahren, die einerseits viel unterschiedlicher nicht sein könnten, andererseits aber auch viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Denn sie verdeutlichen, was Menschen, die am Anfang ihres Erwachsenenlebens stehen, in einer guten Lernatmosphäre und bei intensiver Betreuung durch ihre Lehrkräfte aus sich machen können.
Die Interviews führte K. Blume, Lehrkraft an der Euro Akademie Berlin. Kürzungen wurden durch die Redaktion vorgenommen.
Bildquelle Beitragsbild: © Antonio Guillem / shutterstock.com
