Biografiearbeit – „Haltung erfordert Freiheit und Bewusstsein“

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Erzieher*innen haben eine große Verantwortung Kindern und Jugendlichen gegenüber. Durch Biografiearbeit sollen die Auszubildenden in der Erzieher*innenausbildung an der Euro Akademie Berlin eine professionelle Haltung gewinnen und ihre berufliche Identität finden. Martina Kröpelin-Aye, Dozentin für Kommunikation und Sprache erklärt, warum die Biografiearbeit im neuen Lehrplan für Erzieher*innen eine zentrale Rolle spielt.

Biografiearbeit ist ein Thema, das im „neuen“ Rahmenlehrplan für die Erzieher*innenausbildung eine zentrale Rolle spielt. Wieso – und was ist überhaupt Biografiearbeit? „Bio“ heißt Leben und „Grafie“ meint Aufzeichnung – Biografie ist also die Aufzeichnung von Leben. Im Rahmenlehrplan geht es dabei um die Entwicklung einer professionellen Haltung und beruflichen Identität.

Sich das Potential der Lebensgeschichte bewusst machen

Ich als Dozentin verstehe unter Biografiearbeit, sich das Potential bewusst zu machen, das in der jeweiligen Lebensgeschichte steckt. Beim Aufzeichnen entsteht Abstand und Draufsicht; eine neue Orientierung und Schwerpunktsetzung kann stattfinden. Auch beim Erzählen entsteht eine neue Perspektive – es gibt ein „Du“, ein Gegenüber, das durch sein Interesse meine Geschichte ins Rollen bringt. Die Lebensgeschichte wird neu sortiert, sie erhält ein bewusstes Zentrum, von dem aus eine Haltung entwickelt werden kann.

Was heißt überhaupt „Haltung“?

Wieso ist die Haltung für den Beruf der Erzieher*in so wichtig? Weil Erzieher*innen mit Menschen, mit Kindern und Jugendlichen, umgehen. Das erfordert eine Haltung. Aber was ist Haltung? Es gibt die körperliche Haltung, ein Konglomerat aus Befinden (Gefühlen), nonverbaler Körpersprache und unbewusster Einstellung zu den Verhältnissen (sozial und gesellschaftlich).

Schon der Theatermann Bertolt Brecht stellte den Unterschied zwischen Haltung und Ideologie fest. Die Ideologie stellt in diesem Fall meine offizielle Meinung dar, das, was ich zu einem bestimmten Thema denke – zum Beispiel zum Thema Rassismus. Meine Haltung aber ist das, was sich in meinem Verhalten, meinen Handlungen, im unbewussten Tun widerspiegelt. Dazwischen kann ein Spalt klaffen.

Verhaltensmuster erkennen – eigene Wege gehen

Für mich geht es in der Biografiearbeit um die Bewusstmachung dieser Verhaltensmuster und Ressentiments. Es geht darum, eine ehrliche (authentische) Haltung zu entwickeln, das heißt eine Wahl haben zu können, wie ich handeln will. Ich halte es für außerordentlich wichtig für Erzieher*innen, die automatisierte Kette von Aktion und Reaktion durchbrechen zu können. Dass ich unter Umständen den Mumm habe, etwas anders zu machen, wenn es angebracht erscheint und dass ich bewusst auch in der alltäglichen Routine klarkomme, weil ich weiß, wer ich bin. Haltung erfordert Freiheit und Bewusstsein. Wie ist das zu erreichen?

Viele Wege sind möglich

Zum Beispiel:

  • die Herstellung einer Sphäre, in der echter Austausch möglich ist
  • die geschützte, schriftliche Auseinandersetzung mit der beruflichen und privaten Geschichte
  • Experimentieren mit Status und Haltung
  • Entdeckung von kreativem Spielraum (kreatives Schreiben)

Die „Arbeit“ an Biografie ist gegenläufig zum tradierten Leistungssystem – muss es sein, um individuell und persönlich werten und damit auch stärken zu können. Es geht schließlich um die eigene Lebensgeschichte, die jeder hat und mit der wir dann – auch im Beruf – anderen begegnen.

 

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