Depressionen bei Schüler*innen: 10-Punkte-Programm an bayerischen Schulen

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Bei Annika fing es ganz langsam an. Zuerst konnte Sie sich im Unterricht immer weniger konzentrieren. „Ich war in der 10. Klasse, kurz vor dem Abschluss, da war natürlich ein großer Leistungsdruck da. Aber egal wie sehr ich mich anstrengte, aufmerksam zu bleiben, meine Gedanken sind immer abgeschweift – am Ende der Stunde hatte ich schon wieder alles vergessen“, sagt sie heute. Ihre Noten wurden schlechter und Annika zog sich zurück: „Die Nachmittage verbrachte ich in meinem Zimmer. Manchmal weinte ich, aber oft starrte ich auch einfach an die Decke und grübelte. Es erschien mir alles so sinnlos und leer.“

Hilfe bekam Annika von ihren Freundinnen: „Die haben natürlich gemerkt, dass ich mich verändert habe und haben sich an die Schulpsychologin gewandt. Ich habe ein halbes Schuljahr ausgesetzt und kam in eine Klinik für eine stationäre Therapie.“ Heute geht es Annika besser. Ihre Mittlere Reife hat sie ein Jahr später nachgeholt: „Ich bin unglaublich froh, dass ich meine psychische Gesundheit über den schulischen Erfolg gestellt habe. Das ist so viel wichtiger als ein perfekter Lebenslauf.“

Lange Zeit waren psychische Krankheiten ein Tabuthema. Heute ist der Umgang damit offener – auch dank vieler junger Menschen, die sich trauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Trotzdem erhält nicht jeder die Hilfe, die er benötigt: Es mangelt an Beratungsangeboten und Therapieplätzen. Im Mai hat das bayerische Kultusministerium deshalb ein 10-Punkte-Programm zur Aufklärung über Depressionen und Angststörungen an Schulen veröffentlicht. Wie können diese Maßnahmen helfen, psychischen Krankheiten vorzubeugen?

Ein Viertel der Schüler*innen leidet unter psychischen Problemen

Laut Kinder- und Jugendreport 2019 der DAK-Krankenkasse zeigt jedes vierte Schulkind psychische Auffälligkeiten. Depressionen und Angststörungen diagnostizieren die Ärzt*innen bei jeweils zwei Prozent der Schüler*innen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, wie Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, betont: „Es gibt sehr viele Kinder, die leiden und erst spät zu uns in die Praxen kommen. Erst wenn sie eine entsprechende Diagnose haben, tauchen sie in dieser Statistik auf.“

Gründe für den Anstieg an psychischen Krankheiten

Doch warum leiden immer mehr Kinder und Jugendliche unter psychischen Krankheiten? Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze – die Antwort ist wahrscheinlich eine Mischung daraus. Ein Grund ist sicher, dass Depressionen und Angststörungen heute besser erkannt werden. Während psychische Probleme bei Schüler*innen früher als Trotzverhalten oder als Schwäche wahrgenommen wurden, ist das Bewusstsein für diese Erkrankungen inzwischen in der Gesellschaft (und natürlich auch bei Ärztinnen und Ärzten) angekommen. So werden psychische Probleme heute eher bemerkt, diagnostiziert und behandelt. Eigentlich eine sehr positive Entwicklung, denn nur so bekommen mehr Kinder und Jugendliche die Hilfe, die sie benötigen. In der Statistik ergibt sich so aber ein Anstieg an psychischen Erkrankungen.

Weiterhin spielen die Sozialen Medien sicher eine Rolle. Schüler*innen sehen auf Instagram täglich „perfekte“ Menschen mit dem perfekten Körper, die ein perfektes Leben führen. Da fällt es schwer, realistische Ansprüche an sich selbst zu stellen. Auch die eigenen Bilder und Videos werden von den Gleichaltrigen kritisch beäugt – Likes und Kommentare haben eine Belohnungsfunktion. Durch den ständigen Vergleich mit anderen entsteht ein Druck, den frühere Generationen so nicht kannten.

Einen weiteren Grund führt Zeit-Redakteur Jakob Simmank in seinem Beitrag „Generation Psychotherapie“ an. Das Leben heute bietet für junge Menschen eine große Freiheit – aber damit auch viel Beliebigkeit. Vor 100 Jahren war der Lebenslauf klar geregelt: Mein Vater war Schlosser, deshalb werde ich eben auch Schlosser. Heute haben Schüler*innen alle Möglichkeiten, sie können arbeiten, was und wo sie wollen. Dadurch ist die Jugend durch viel mehr wichtige Selbstfindungsprozesse und Entscheidungen geprägt. Simmank zitiert dazu Götz Berberich, Chefarzt der Klinik Windach am Ammersee: „In dieser Welt noch Halt zu finden, ist für viele junge Menschen ungemein schwer.“

Bayern: 10-Punkte-Programm zur Aufklärung über Depressionen und Angststörungen

Während die psychischen Erkrankungen im Kinder- und Jugendalter zunehmen, mangelt es in den Schulen oft an Aufklärung, Beratungsangeboten und Ansprechpartner*innen. Um das zu ändern, haben bayerische Abiturient*innen im Frühjahr eine Petition gestartet, die von mehr als 43.000 Menschen unterschrieben wurde. Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo stellte daraufhin ein 10-Punkte-Programm zur Aufklärung über Depressionen und Angststörungen an Schulen vor. Diese enthält zehn Maßnahmen, um Pädagog*innen und Schüler*innen für den Umgang mit psychischen Krankheiten zu sensibilisieren. Das Thema Depression soll ab sofort auch im Lehramtsstudium und im Referendariat berücksichtigt werden. Auch im Unterricht sollen psychische Krankheiten konkret bearbeitet werden. Außerdem stellen die Schulen nun eine individuelle Übersicht über innerschulische und außerschulische Hilfsangebote in der Region bereit und bauen das Beratungsangebot der Schulpsycholog*innen aus. Diese wichtigen Maßnahmen sollen nun in Bayern möglichst schnell umgesetzt werden – hoffentlich bald auch in ganz Deutschland.

Suchst du Hilfe oder einfach jemandem zum Reden? Bei der TelefonSeelsorge unter der Nummer 0800 1110-111 oder 0800 1110-222 kannst du jederzeit anrufen – anonym und kostenfrei. Auch per Chat und per E-Mail bekommst du kostenlos Hilfe und Beratung. 

Autor

Anna Rüppel

Anna Rüppel ist mit 1,78 m die Größte, wenn es um Ausbildung und Beruf geht. Als Kind war sie kleiner.