JETZT oder NIE: von Solidarität, Nachbarschaftshilfe und Optimismus

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Nein, auch wir können selbstverständlich und ausdrücklich nichts Gutes an dem Covid-19-Virus finden. Aber sehr wohl finden sich in Krisen, so auch in dieser Coronakrise, immer wieder Menschen, die uns durch ihr Engagement und ihre Ideen inspirieren und aktivieren. Wir haben zwei von ihnen gefunden und interviewt.

Die Brüder Claudius Holler und Daniel Plötz sind umtriebig, sehr umtriebig. Nach ihren Berufsausbildungen gründeten sie ihre eigene Agentur, sie brachten ein Szenegetränk auf den Markt, errichteten einen Skatepark, einer von ihnen war seinerzeit Spitzenkandidat der Piratenpartei Hamburg und arbeitete zudem nebenbei im pädagogischen Bereich. Außerdem engagieren sie sich auch in Hamburgs Musik- und Kulturlandschaft. Auf Corona reagierten sie prompt mit der Initiierung der Facebook-Gruppe #Coronahilfe Hamburg – für ein solidarisches Miteinander in Coronazeiten.

#Coronahilfe Hamburg: Unkomplizierte Hilfe in Zeiten von Social Distancing

Unkompliziert und direkt können in der Gruppe Bedürftige, Risikopatient*innen und anderweitig durch Corona in Not geratene Menschen nach Unterstützung fragen. Geholfen wird beispielsweise beim Einkauf von Nahrungsmitteln, mit einem Medikamenten-Notdienst, beim Gassigehen mit dem Vierbeiner oder beim Ausfüllen von Formularen für Behörden. Im Zuge von „Social Distancing“ und dem verordneten Kontaktverbot ergeben sich außerdem weitere Hilfsbedarfe. Auch depressive, durch die aktuelle Situation verängstigte und einsame Menschen werden bedacht. Sie können sich telefonisch an entsprechend ausgebildete Menschen wenden, die sich ihnen in der Gruppe als kompetente Gesprächspartner*innen zur Verfügung stellen. Die Resonanz auf die Gruppe ist riesig, die Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen, bislang ebenso.

Wir haben Claudius und Daniel, aus sicherer Distanz per E-Mail, interviewt. Vielen Dank für Eure Zeit, wir wissen, Ihr könnt Euch vor Hilfs- aber auch Presseanfragen kaum retten. Ihr habt unheimlich schnell auf die Coronakrise und die damit einhergehenden Ein- und Beschränkungen reagiert und die Facebook-Gruppe #Coronahilfe Hamburg, die sich als direkte Nachbarschaftshilfe versteht, ins Leben gerufen.

Als erstes möchten wir gerne wissen: Was treibt Euch an? Woher nehmt Ihr die Motivation und die Ideen?

Claudius Holler

Claudius: Langeweile wär jetzt als Antwort wohl zu billig. Aber ernsthaft: Wir schauen halt, was um uns herum passiert. Auf Twitter bekomme ich recht schnell mit, was sich gerade wo und wie entwickelt. Per se finde ich aktives Mitgestalten konstruktiver als passives Übersichergehenlassen. Machen ist erfüllender als labern.

Daniel Plötz

Daniel: So abgedroschen es für manchen klingen mag – etwas Gutes und Sinnvolles zu tun, motiviert unheimlich. In den vergangenen 20 Jahren hatten wir immer wieder solche Situationen. Wobei diese natürlich mit allen anderen nicht vergleichbar ist. Dinge ändern zu wollen, sie anders zu betrachten und anders und besser anzugehen – das ist wohl so ein Bestandteil unserer DNA.

Wer ist eigentlich für Eure ausgeprägte soziale Ader verantwortlich?

Claudius: Da sind unsere Eltern wohl nicht ganz unschuldig. Außerdem bin ich da auch so reingewachsen. Sieben Schulwechsel schafften eine gewisse Sensibilität, auch weil ich dadurch weiß, wie es sich anfühlt, in einer Opferposition zu sein. Hilfe, wenn sie nicht übergriffig ist, ist ja urkonstruktiv und erschafft im Idealfall eine bessere Gesamtsituation für alle.

Daniel: Da kann ich mich Claudius nur anschließen. Sicherlich wurde diese soziale Ader stark von unseren Eltern geschaffen. Der Rest entwickelte sich vor allem durch unterschiedliche Situationen im Leben. Projekte, die wir machten und machen. Kein fieser Mensch zu sein, kann echt befriedigend sein.

Wann kam es zur Gründung von „Coronahilfe Hamburg“? Und wie lange dauerte es von der Idee bis zur fertigen Facebook-Gruppe?

Claudius: Das war am Donnerstag, den 12. März 2020 zum Feierabend, bevor es richtig losging. Ich hab die Gruppe spontan übers Knie gebrochen und erstmal losgelegt – vor allem textlich die Grundlage geschaffen, für einen Safe Space inklusive Hetzfilter. Solche emotionalen Themen ziehen ja schnell allerhand aufgeregte Vollhonks an. Dann hab ich aus meiner Filterblase diejenigen direkt ins Team geholt, denen ich hinsichtlich Einstellung, aber auch Engagement voll vertraue. So ging das los.

Daniel: Dann ging auch alles recht schnell. Auf eine lange Historie können wir schließlich noch nicht zurückblicken bei der Gruppe. Logo und Banner kamen hinzu. Texte und weitere Grafiken – das Team wurde aufgebaut.

Seid Ihr bislang zufrieden mit der Entwicklung der Gruppe, oder habt Ihr auch mit Kommentaren oder Beiträgen zu kämpfen, die kritisch bis unangebracht sind?

Daniel: Wie in jedem Forum und eigentlich dem gesamten Internet kann alles schnell unübersichtlich werden und eskalieren. Wir sind normalerweise keine Menschen, die in Schubladen und Regeln denken – in diesem Fall muss es aber sein, damit unterm Strich die Hilfe untereinander im Fokus steht. Da braucht man eine strenge Tür. Davon leben die meisten großen Clubs und auch diese Gruppe.

Claudius: Die strenge Tür und konsequente Moderation sind zwar teilweise anstrengend, aber im Vergleich zu den üblichen Kommentarspalten da draußen ist unsere Gruppe fast ein Ort der Glückseligkeit geblieben. In jedem Fall haben auch Postings zum Thema Bedürftigkeit von Geflüchteten oder Obdachlosigkeit ihren Platz bei uns und werden pöbelfrei und fair diskutiert.

Wie viele Mitglieder habt Ihr bis dato und wer sind die Menschen im Hintergrund, die als Administratoren und Koordinatoren die Gruppe betreuen?

Daniel: Wir sind in etwa 15 Menschen aktuell. Einige nahezu in Vollzeit am Start, andere, wann immer sie Zeit finden. Alles Menschen aus unseren direkten Kontakten oder maximal eine Kontaktstufe weiter. Das ist wichtig, weil man hier wirklich gemeinsam auf einer Welle surfen muss. Ich kenne beispielsweise nicht jeden einzelnen, aber mir ist klar, dass Claudius oder einer meiner Vertrauten diese Person dann kennt. Es ist ein wenig wie eine Reunion einiger Wegbegleiter der letzten 20 Jahre.

Claudius: Das ging ab Tag eins Schlag auf Schlag, ähnlich exponentiell wie die Ansteckungszahlen nach oben und hat direkt die eigene Filterblase verlassen.

Es gibt mittlerweile so einige Städte, die Eure Idee, inklusive „Look-and-feel“, direkt übernommen haben. Ihr habt diese sogar unterstützt, was Logoentwürfe, Inhalte und anderes betrifft.

Daniel: Ja, das ist richtig. Wir haben viele Gruppen in Deutschland beim Aufbau unterstützt. Das wollen wir gerne ausbauen, sofern es unsere Zeit hergibt. So haben wir Gruppen in Berlin, Stuttgart, Frankfurt, aber auch in kleineren Städten wie Mühlacker, Quickborn und Wunstorf mit FAQ zur Gruppengründung und Headergrafiken versorgt und versuchen in den Regionen ebenfalls unsere Kontakte in die jeweiligen Gruppen einzuladen.

Wie lange kann sich so eine Solidaritätswelle in der Bevölkerung eigentlich halten?

Claudius: Hilfsbereitschaft ist ja zum Glück grundsätzlich im Menschen angelegt und in Ausnahmesituationen sofort abrufbar. Das war 1989 sichtbar, aber auch 2015 und jetzt wieder. Vielleicht haben wir das in den letzten Jahren als Gesellschaft etwas verlernt. Wär schön, wenn das nicht so schnell wieder abebbt.

Daniel: Das ist meines Erachtens schwer einzuschätzen, da es eine solche Situation noch nie gegeben hat. Eine internationale Krise dieser Art ist lange her. Zu Zeiten der „Spanischen Grippe“ hat niemand von den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten geträumt. Vergangene Kriege und Tschernobyl vor 34 Jahren hatten viele Menschen bedroht – auch hier gab es diese Möglichkeiten der Kommunikation nicht, und die Herausforderungen waren trotz ihrer Größe lokaler angesiedelt als Corona. Wir merken, wie immer mehr Menschen sich mit solidarischen Gedanken anfreunden. Füreinander da sein wollen. Damit beginnen, generationsübergreifend zu denken. Dies gibt durchaus Hoffnung, dass diese Welle noch länger anhält und größer wird – umso mehr müssen wir im Blick behalten, dass niemand Mist baut und diese Welle für gewerbliche, unseriöse oder menschenfeindliche Zwecke nutzt.

Habt ihr das Gefühl, dass es eine Zeit vor und nach Corona gab und geben wird, dass eine neue Ära beginnt und eine alte endet? Oder werden die Menschen nach überstandener Coronakrise doch wieder in alte Verhaltensmuster verfallen?

Daniel: Die Chance besteht durchaus. Ob der Mensch nach der Coronakrise wirklich ausreichend Gedächtnis hat, sich an diese Zeiten zu erinnern und das Positive beizubehalten – das bleibt abzuwarten. Da zeigte der Mensch in den letzten Jahren leider oft Gegenteiliges. Wenn man beispielsweise auf den Klimawandel schaut.

Claudius: Wohin solche einschneidenden Erlebnisse führen, liegt in unser aller Hand. Wir müssen aufpassen, dass die Ausnahmeregelungen zur Beschneidung unserer Freiheit wirklich nur temporär bleiben. Dass Olaf Scholz seine sogenannte „Bazooka“ rausholen musste, zeigt gerade, wie sehr wir den Sozialstaat zuletzt kaputtgespart haben. Binnen Tagen wurden existentielle Notlagen bis in die mittleren Einkommensschichten sichtbar. Hier ist jetzt viel hektische Flickschusterei nötig geworden. Die Coronakrise wird in jedem Fall unser späteres “Opa erzählt vom Krieg”.

Wie werden wir uns als Gesellschaft verändern müssen?

Claudius: Ich hoffe, dass wir langfristige Reparaturmaßnahmen einleiten. Der Sozialstaat, Care-Arbeit und das Gesundheitswesen brauchen echte Stärkung. Vor allem zeigt sich in der Krise, wer den Laden eigentlich am Laufen hält. Es sind zu wenig wertgeschätzte Menschen – meist Frauen – in schlechtbezahlten Berufen. Die brauchen keinen abendlichen Applaus, die brauchen bessere Arbeitsbedingungen!

Daniel: Vielen Menschen werden aktuell längst vorhandene Themen bewusst. Platt gesagt: Die Kassierer*innen sind gar nicht unwichtig?
Vielleicht sollte man Pflege- und medizinische Berufe doch besser entlohnen? Ist das, was ich tagein, tagaus tue, wirklich relevant? Aktuell ist die Gesellschaft ganzheitlich dazu gezwungen, sich über solche Themen Gedanken zu machen. Viele werden hoffentlich feststellen, dass sich auch nach Corona einige Dinge ändern müssen.

Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft und was für die Gegenwart?

Daniel: Grillen im Alten Land mit meinen Eltern, endlich mal wieder ein entspanntes Heimspiel am Millerntor und Urlaub mit Kind und Kegel. Aktuell wünsche ich mir: Bleibt gesund und bleibt zu Hause.

Claudius: Urlaub. Aber erstmal ein Spaghettieis am Elbstrand, bevor es abends zum Boule spielen an den Altonaer Balkon geht. Außerdem möchte ich meine Eltern nicht mehr nur telefonisch sprechen.

Claudius und Daniel, vielen Dank für das Interview!

Autor

Katina Kampardina

Seit 2014 schreibt die Online-Redakteurin für die Euro Akademie. Im Magazin widmet sie sich ab sofort vornehmlich den Interviews, denn ihr größtes Interesse gilt – neben der Kunst – Menschen aller Couleur, ihren Motivationen, Biografien und Geschichten.