„Wauwau“ oder Hund? Pro und Contra Kindersprache

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In Bezug auf die Sprachentwicklung von Kindern wird die Akzeptanz und Nutzung von Wörtern aus der Kindersprache wie „Wauwau“ und „Heia“ kontrovers diskutiert. Die einen lehnen die Kindersprache ab, da sie glauben, dass deren Nutzung die Sprachentwicklung der Kinder behindert und verlangsamt. Andere dagegen sprechen sich sehr für die Kindersprache aus, die als „Sprachspielsache“ zur positiven Entwicklung der Kinder genauso gehört wie das Kuscheltier, Bauklötze und andere Spielsachen.

In dem Fach „Sprache und Kommunikation“ an der Euro Akademie Berlin beschäftigen sich die angehenden Erzieher im ersten Semester unter anderem mit diesem Thema. Wie stehen Sie selbst dazu? Befürworten Sie die Kindersprache oder wollen Sie sie lieber in der Praxis vermeiden? Im Rahmen eines Rollenspiels (Elterngespräch) oder einer schriftlichen Ausarbeitung (Elternbrief) üben die Schüler, einen der Standpunkte professionell in der Praxis zu vertreten.

Elternbrief an eine besorgte Familie

Einen Einblick in die vielen interessanten Beiträge der Schüler bekommen Sie in einem fiktiven Elternbrief zu dieser Thematik, den die Schülerin Tina Lüneburg aus dem EU-Projekt: Quereinstieg – „Männer und Frauen in Kitas“ verfasst hat. Sie plädiert für die Nutzung von Kinderwörtern und reagiert auf eine besorgte Familie, die diese eher als Hindernis für eine gesunde Sprachentwicklung sieht.

Liebe Familie Mustermann,

Sie haben um klärende Informationen über die Sprachentwicklung Ihres Kindes gebeten. Ihr Sohn Max ist mittlerweile anderthalb Jahre alt und fängt an, einzelne Wörter zu sprechen. Sie erzählten, dass Max beim Anschauen eines Bilderbuchs zum Hund „Wauwau“ sagte und ebenso eine Katze so nannte. Das muss Sie nicht verwundern. Die Entwicklung Ihres Sohnes ist völlig normal und altersgerecht. Kinderwörter sind im ersten Halbjahr des zweiten Lebensjahres sehr wichtig. Sie stellen keinen Umweg dar, der die Sprachentwicklung Ihres Sohnes verlangsamt. Vielmehr erleichtert die Kindersprache Ihrem Sohn den Zugang zu den Sinnzusammenhängen der Erwachsenenwelt. Ihr Sohn nutzt sie als Brücke zwischen seinen Lebenserfahrungen und der Welt der Erwachsenen.

Kinderwörter sammeln – Sprachentwicklung unterstützen

In unserer Kita haben wir Kinder aus unterschiedlichsten Ländern. Selbst für uns Erzieher ist es spannend, die Kindersprache zu entdecken. Ein Mädchen mit französischen Wurzeln sagte neulich zu einem Hahn nicht „Kikeriki“ sondern „Cocorico“. In Schweden habe ich Kinder „Kaka“ rufen hören und sie bekamen ein Stück Kuchen. Mittlerweile überlegen wir in unserer Einrichtung, ob wir gemeinsam mit den Eltern eine Liste erstellen, in der wir die einzelnen Kinderwörter in der jeweiligen Muttersprache sammeln. So können wir die Kinder in ihrer Sprachentwicklung noch besser unterstützen, indem wir mehr auf sie eingehen können. Denn wenn Kinder ihre eigene Sprache nicht verwenden dürfen, fehlt ihnen, solange sie die Erwachsenensprache noch nicht beherrschen, ein geeignetes Mittel, um ihre Bedürfnisse auszudrücken und in Kommunikation mit anderen zu treten.

Verständnis – für eine bessere Kommunikation

Mein Rat für Sie, Familie Mustermann, ist: Lassen Sie sich auf Max‘ Wörter ein. Führen Sie eventuell eine eigene Liste mit seinen Wörtern und was sie für ihn bedeuten. Suchen Sie das Verständnis für seine Worte. Sie schenken ihm damit Ihre Aufmerksamkeit. Indem Sie sich in seine (Sprach-)Welt einfühlen, leisten Sie einen wichtigen Beitrag für ihre gemeinsame spätere Kommunikation. Sollten Sie sich damit unsicher oder unwohl fühlen, empfehle ich Ihnen, Max‘ Kinderwörter aufzugreifen und wertschätzend zu korrigieren. Bleiben wir beim „Wauwau“ – wenn Max das nächste Mal einen Hund sieht und „Wauwau“ sagt, können Sie zum Beispiel antworten: „Ja Max, du hast Recht, dort ist ein Hund und der macht wauwau!“ So zeigen Sie ihm, dass Sie ihn verstanden haben und bieten ihm gleichzeitig das „korrekte“ Wort an.

Ich wünsche Ihnen und Max ganz viel Freude beim Entdecken seiner Kindersprache. Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie sich gerne wieder an mich wenden!

Liebe Grüße
Max‘ Bezugserzieherin
Tina Lüneburg

Quellen:
Winner, Anna (2011): Spielzeug Sprache oder warum „Wauwau“ wichtig ist – Altersgerechte Sprachförderung für Kleinkinder in klein & groß, 05/2011, S. 30-33.
Anna Winner (2012): Kleinkinder ergreifen das Wort – Sprachförderung mit Kindern von 0 bis 4 Jahren. Cornelsen Verlag, Berlin, S. 56-64.

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