Prosopagnosie: Leiden Sie unter Gesichtsblindheit?

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Was haben der Schauspieler Brad Pitt, die Primatenforscherin Jane Goodall und die Kronprinzessin Victoria von Schweden gemeinsam? Sie alle können Personen nicht anhand des Gesichts erkennen. Nicht, weil sie unaufmerksam oder unhöflich sind, sondern weil sie unter der Krankheit Prosopagnosie leiden. Wie entsteht diese Erkrankung und was können Sie tun, wenn Sie selbst betroffen sind? 

Was ist Prosopagnosie? 

Prosopagnosie wird meistens als „Gesichtsblindheit“ übersetzt. Die Betroffenen können Gesichter natürlich sehen, blind sind sie also nicht. Ihr Problem ist viel mehr das Unterscheiden und Wiedererkennen der unterschiedlichen Gesichter. Für sie sehen alle Gesichter einfach gleich aus. 

Wir nehmen über ein Gesicht ja eine Vielzahl von Informationen auf. Alter, Geschlecht und Stimmung zum Beispiel. Und natürlich erkennen wir anhand des Gesichts auch, ob wir einer Person schon begegnet sind.  

Menschen, die unter Prosopagnosie leiden, bleiben diese Informationen verwehrt. Sie können individuelle Merkmale in Gesichtern nicht erkennen. Tatsächlich betrifft das aber nur Gesichter – eine Person mit Prosopagnosie erkennt Sie also vielleicht an Ihrer Stimme oder Ihrem auffälligen roten Mantel. 

Woher kommt Prosopagnosie?

Der Mensch ist ein soziales Tier – Gesichtserkennung ist daher für unser Zusammenleben unglaublich wichtig. Deshalb gibt es dafür auch einen eigenen Bereich im Gehirn: den Gyrus fusiformis. Wird dieser durch ein Schädel-Hirn-Trauma oder einen Schlaganfall beschädigt, kommt es zur Prosopagnosie. Bei großen Verletzungen kann es sogar passieren, dass man das eigene Gesicht nicht mehr erkennt – man sieht eine*n Fremde*n im Spiegel. 

Neben der erworbenen Prosopagnosie, die durch Hirnschädigungen entsteht, kann die Erkrankung auch von Geburt an vorliegen. Gründe für die angeborene Variante sind noch nicht erforscht. Vermutlich wird Gesichtsblindheit vererbt, es ist allerdings nicht bekannt, welches Gen für die Krankheit verantwortlich ist. 

Sind Sie gesichtsblind? 

Denken Sie, dass Sie unter Prosopagnosie leiden? Im Internet gibt es einige Selbsttests, um einzuschätzen, ob die eigene Gesichtsblindheit schon pathologisch ist – denn natürlich kommt es immer mal vor, dass man eine Person nicht gleich erkennt. Bei TestmyBrain muss man aus zwei Bildern von Prominenten die richtige Person auswählen und kann so sein Gesichtserkennungsvermögen überprüfen. Beim Cambridge Face Memory Test der Birkbeck University of London soll man ein vorher gezeigtes Gesicht aus drei Gesichtern auswählen. Der Exposure Based Face Memory Test dagegen zeigt verschiedene Gesichter nacheinander und Sie müssen auswählen, ob Sie das Gesicht bereits gesehen haben. 

Alle diese Tests können natürlich nur einen ersten Eindruck geben. Wenn Sie vermuten, gesichtsblind zu sein, sollten Sie sich an eine Ärztin oder einen Arzt wenden, um andere Ursachen wie Demenz oder Autismus auszuschließen. 

Wie wird Prosopagnosie behandelt?

Prosopagnosie ist nicht heilbar. Betroffene müssen lernen, mit der Erkrankung zu leben. Sie können aber Strategien entwickeln, um sich trotz Gesichtsblindheit in sozialen Situationen zurechtzufinden. Gemeinsam mit eine*r Therapeut*in können sie zum Beispiel trainieren, Merkmale wie die Stimme, die Kleidung, die Gestik oder die Gangart zu erkennen und zuzuordnen. Oft bestimmt auch der Kontext, welchen Personen man begegnet. Am Arbeitsplatz sollten Sie mit Ihrer Chefin oder Ihrem Kollegen rechnen, nicht aber mit Ihrer Zahnärztin – außer natürlich, Sie arbeiten in einer Zahnarztpraxis. Indem sie sich Listen erstellen, welchen Personen sie an welchem Ort begegnen, können Prosopagnostiker*innen die Auswahl einschränken und das Erkennen durch äußere Merkmale erleichtern. 

Wenn Sie dann der Chefin auf dem Stadtfest begegnen, ist diese Taktik natürlich hinfällig. Auch, wenn die Person plötzlich eine neue Frisur hat, ungewohnte Kleidung trägt oder andere äußere Merkmale verändert. Ein weiterer Tipp ist deshalb, einfach offen mit der Erkrankung umzugehen. So merkt ihr Umfeld, dass Sie es nicht böse meinen und nebenbei machen Sie die Prosopagnosie bekannter – und helfen dabei vielleicht anderen Betroffenen.  

Autor

Anna Rüppel

Anna Rüppel ist mit 1,78 m die Größte, wenn es um Ausbildung und Beruf geht. Als Kind war sie kleiner.