Tastbücher für blinde Kinder – mit den Fingerspitzen die Welt entdecken

0

Bücher sind toll. Man kann damit in andere Welten eintauchen, die eigene Fantasie anregen und ganz viel lernen. Und auch, wenn man noch nicht oder erst wenig lesen kann, gibt es eine Vielzahl von Bilderbüchern, Mitmachbüchern, Wimmelbüchern, Vorlesebüchern und Erstlesebüchern für jedes Alter und Leseniveau. Aber was ist mit Kindern, die nichts sehen können? Wie können sie die Welt entdecken, wenn gerade sie doch so vieles nicht im Original sehen können? Für blinde und sehbehinderte Kinder gibt es deshalb sogenannte Tastbücher – aber die sind leider teuer und selten. Das möchte der Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV) ändern – und benötigt dafür Ihre Hilfe. 

Wie haben Sie als Kind gelernt, was ein Löwe ist? Oder eine Rakete? Oder eine Pyramide? Mit vielen Dingen kommen wir als Kinder nicht persönlich in Kontakt – wir sehen sie auf Bildern, im Internet, im Fernsehen oder in Büchern. Blinden Kindern fehlt dieser Zugang, sie nehmen ihre Umwelt durch Hören und Tasten wahr. Damit auch Blinde und Sehbehinderte die Welt durch Bücher entdecken können, gibt es sogenannte Tastbücher – spezielle Bücher, deren Geschichten nicht nur berührend, sondern auch zum Berühren sind. 

Warum sind Tastbücher wichtig? 

Bücher helfen uns, die Welt um uns herum zu verstehen – und zwar bevor wir lesen können. Spätestens in Kita, Kindergarten und Vorschule kommen wir mit Bilderbüchern in Kontakt. Sie fördern die Fantasie und helfen dabei, die Welt zu erforschen. Gerade blinde und sehbehinderte Kinder, die ein Müllauto, ein Flugzeug oder ein Nilpferd nicht im Original sehen können, brauchen andere Zugänge, um die Welt um sie herum zu verstehen. „Kinder, die wenig oder gar nichts sehen, möchten die Welt mit ihren Fingerspitzen entdecken“, erläutert der Geschäftsführer des DBSV, Andreas Bethke. „Bedauerlicherweise gibt es für sie aber kaum geeignete Tastbücher. Dadurch verpassen sie nicht nur das ganze Universum der wunderbaren Bilderbuch-Geschichten, sondern leider auch den frühen Einstieg in das Lesen.“ 

Bildquelle: ©DBSV/F. Vaccaro

Woraus besteht ein Tastbuch? 

Die Bücher entstehen aus den verschiedensten Materialien – Stoff, Fell, Kunstrasen, Spielzeugtiere, Kunstblumen … Das geht nicht in Massenproduktion, sondern erfordert Handarbeit. Der DBSV arbeitet zwar daran, die Herstellung der Tastbücher durch moderne Druckverfahren effektiver zu gestalten. Aktuell können die Bücher aber nur in Kleinauflagen von ungefähr 200 Exemplaren produziert werden. Während auf dem deutschen Markt jährlich rund 9.000 neue Kinder- und Jugendbücher erscheinen, gibt es für blinde und sehbehinderte Kinder nur eine sehr kleine Auswahl an Tastbüchern, die zudem regelmäßig vergriffen sind. Bundesweit erscheinen jährlich nur drei bis vier neue Tastbücher. Denn durch die teuren Druckverfahren ist die Herstellung für Unternehmen wirtschaftlich uninteressant. Die Tastbücher entstehen meist über Spenden und durch die Unterstützung vieler ehrenamtlicher Helfer*innen. 

Im aktuellen Bücherangebot des DBSV finden sich zum Beispiel viele Tastbücher, deren Entwicklung durch die Skala-Initiative gefördert wurde. Diese Initiative fördert gemeinnützige Organisationen mit großer sozialer Wirkung. So entstanden im Rahmen des Projekts „Ein Buch für jeden Tag“ Tastbücher wie „Carlas größter Wunsch“, das durch Audio-Codes sogar Geräusche macht, oder „Die kleine Nacktschnecke“, in dem Kinder verschiedene Insekten ertasten können. Alle aktuell erhältlichen Bücher finden Sie hier. 

Bildquelle: ©DBSV/F. Vaccaro

Tastbücher selbst herstellen

Möchten Sie ein eigenes Tastbuch basteln, um es mit Ihren blinden oder sehbehinderten Schützlingen zu entdecken? Auch für sehende Kinder kann ein solches Buch ein Erlebnis sein und die motorische Entwicklung fördern. Die Dipl. Sozialpädagogin Annette Strack hat mit ihren Pfeifi-Büchern eine Buchserie zum Nachbauen entwickelt. Die Abenteuer des Pfeifenputzers Pfeifi lassen sich mit Alltagsgegenständen nachbasteln. Alle Anleitungen finden Sie auf der Homepage der Diakonie Frankfurt und Offenbach.  

Auch der DBSV bietet Anleitung zur Herstellung eigener Tastbücher. „Faustus“ ist ein taktiles Bilderbuch für Kinder von 3-6 Jahren. Der Verstecke-Kobold Faustus bringt darin das Haus der Familie Rosenwürfel durcheinander und gibt blinden und sehbehinderten Kindern so die Möglichkeit, verschiedene Alltagsgegenstände zu ertasten. In „Ich und meine Familie“ werden auch Braillebuchstaben und -zahlen verwendet, um zum Beispiel den eigenen Namen zu schreiben oder ertastete Gegenstände zu zählen. 

Kleine Spende, große Geschichte 

Um mehr Kindern den Zugang zu Tastbüchern zu ermöglichen, entwickelt der DBSV regelmäßig neue Bücher oder produziert neue Auflagen bereits erschienener Werke. Trotzdem ist der Bedarf nicht annähernd gedeckt. Der Verband macht deshalb mit seiner Spendenaktion auf die Büchernot für blinde und sehbehinderte Kinder in Deutschland aufmerksam. Wenn Sie spenden möchten, finden Sie hier alle nötigen Informationen

Autor

Anna Rüppel

Anna Rüppel ist mit 1,78 m die Größte, wenn es um Ausbildung und Beruf geht. Als Kind war sie kleiner.