Die Klimakrise als großes Umweltthema unserer Zeit ist allseits präsent. Doch wie bewusst ist uns die zweite große Umweltproblematik der Gegenwart: das Artensterben, das man auch als Biodiversitätskrise bezeichnen kann? Nicht nur zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht, sondern auch unser Wissen um diese Arten. Das ist besonders bei jungen Menschen zu beobachten, und genau darum soll es in diesem Artikel gehen.
Wir betrachten, wie es tatsächlich um die Artenkenntnis unter Kindern und Jugendlichen bestellt ist, welche Gründe es dafür gibt und was man gegen den Wissensschwund tun kann – zum Beispiel als Erzieher*in oder Kinderpfleger*in. Denn klar ist: Je früher das Wissen um die Natur gefördert wird, desto besser.
Studien zeigen: Artenkenntnis bei Kindern und Jugendlichen schwindet
In einer Studie der Technischen Universität (TU) Berlin von 2025 stellten die Forschenden fest: „Die Kenntnis häufiger Tier- und Pflanzenarten, die Naturverbundenheit unter den Generationen und deren Bereitschaft, sich für die Natur einzusetzen, nehmen von älteren zu jüngeren Menschen ab.“ Während Erwachsene über 30 Jahre durchschnittlich 8 von 12 häufigen Tier- und Pflanzenarten erkannten, lag der Wert für Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren unter 6 Arten. Diesen Unterschied bezeichnet man auch als „Generationenamnesie“.
So ist über die vergangenen Jahre immer wieder zu bemerken, dass junge Menschen heute tendenziell weniger Arten kennen als früher. Exemplarisch dafür ist das Wissen über Vögel. In der ersten Vogel-BISA-Studie 2007, die in Anlehnung an die PISA-Studie durchgeführt wurde, erkannten die über 3000 bayerischen Schüler*innen schon damals durchschnittlich nur ein Drittel der häufigsten Gartenvögel. Im zweiten Durchlauf 2017 zeigte sich, dass Gymnasiasten durchschnittlich eine Art weniger kannten als zehn Jahre zuvor, ein statistisch durchaus relevanter Rückgang. Eine weitere Studie zur Vogelkenntnis unter Schüler*innen zwischen 8 und 21 Jahren fand heraus, dass diese im Jahr 2022/2023 im Vergleich zum Jahr 2005 zwölf Prozent weniger gefährdete Vogelarten kannten; besonders auffällig ist das bei Arten, die vorwiegend in Agrarlandschaften vorkommen, wie etwa die Feldlerche. Auch für andere Tier- und Pflanzengruppen ist der Wissensstand niedrig, wie in der Wald-Pisa-Studie von 2010 und dem Jugendreport Natur von 2019/2020 festgestellt wurde.
Ohne Artenkenntnis kein Naturschutz: Die unterschätzten Folgen
Wenn uns das Vokabular für unsere lebendige Umwelt fehlt, beeinträchtigt das auch unsere Naturverbindung. So bemerkten die Wissenschaftler*innen der TU Berlin: „ein gutes Artenwissen [fördert] die Naturverbundenheit, also die emotionale, kognitive und erfahrungsbezogene Verbundenheit mit der Natur. Ist diese erhöht, steigt wiederum die Bereitschaft, sich für die Natur einzusetzen.“
Eine Art beim Namen zu kennen, ermöglicht eine emotionale Verbindung zu ihr. Tatsächlich wird zum Beispiel bei einer Begegnung mit einer Vogelart, die wir benennen können, derselbe Gehirnteil aktiviert wie bei der Begegnung mit einem menschlichen Bekannten, so berichtet es die Vogelguckerin Silke Hartmann. Wenn eine solche emotionale Verbindung fehlt, mangelt es auch an der Bereitschaft, sich für den Naturschutz einzusetzen. Wir können nur nachhaltig schützen, was wir kennen und wertschätzen. Namen sind nicht nur Worte oder reine Beschreibungen. Sprache ist mächtig, denn sie lenkt und steigert unsere Wahrnehmung und unsere Aufmerksamkeit.
Artenkenntnis ist zudem die Grundlage für das Verstehen größerer Zusammenhänge in Lebensräumen und Ökosystemen. Ohne Artenkenntnis bleibt das Artensterben, das Schwinden der Biodiversität, unsichtbar. Wenn wir beispielsweise nicht nur die Honigbiene, sondern auch die zahlreichen Hummel- und Wildbienenarten kennen, die stärker vom Aussterben bedroht sind, können wir besser für ihren Schutz sorgen.
Schließlich hat eine fehlende Naturverbindung nicht nur negative Folgen für andere Lebewesen, sondern auch für uns Menschen. Sie führt zu einem verminderten Einsatz unserer Sinne, Aufmerksamkeitsschwierigkeiten und höheren Raten körperlicher und mentaler Erkrankungen. Dieses Phänomen hat der US-amerikanische Journalist Richard Louv unter dem Begriff „nature-deficit disorder“ zusammengefasst.
Kaum Naturerfahrung im Alltag: Warum Kinder Tiere und Pflanzen nicht mehr kennenlernen
Doch warum geht das Wissen über die Natur immer mehr zurück? Das hat verschiedene Gründe, die auch in Kombination miteinander wirken.
Extinction of Experience: Dieser Begriff des US-amerikanischen Ökologen Robert Pyle drückt aus, dass wir immer weniger direkt mit der Natur interagieren (Jones, S. 8). Ein praktisches Beispiel dafür ist, dass naturnahe Flächen, auf denen Kinder frei draußen spielen können, immer seltener zu finden sind – in Großbritannien etwa ist der Anteil dieser Flächen seit den 1970ern um 90 Prozent zurückgegangen (Jones, S. 55). Zugleich zieht auch das fortschreitende Aussterben von Tieren und Pflanzen ein Aussterben von Erfahrung nach sich, was wiederum einen Prozess in Gang setzt, der sich fast als Teufelskreis beschreiben lässt: Mit dem Artensterben schwindet unsere Artenkenntnis; diese Unkenntnis führt zu Entfremdung und weiter zu Gleichgültigkeit, was wiederum zu weiterem Artensterben führt, da wir uns nicht mehr um die Natur sorgen.
Geänderte Schullehrpläne: Seit den frühen 2000ern hat sich der Fokus weg von Artenwissen hin zu größeren Konzepten und allgemeinen Kompetenzen verschoben. Während etwa im neunjährigen Gymnasium die „Vielfalt der einheimischen Vogelwelt“ noch im Lehrplan vorgeschrieben war, wurden in Bayern die Inhalte im G8 merklich reduziert und es werden nur noch drei von fünf Wirbeltierklassen thematisiert.
Bildschirmzeit: Es ist kein Geheimnis, dass junge Menschen inzwischen viel mehr Zeit an Bildschirmen, auf Social Media und mit Computerspielen verbringen. Zwar können sie auch am Bildschirm Natur sehen, doch die direkte Erfahrung, also das Erleben mit allen Sinnen, fehlt dort. Zudem eignet sich Social Media nur bedingt zum Vertiefen von Artenkenntnis. Der Algorithmus beschränkt, was wir sehen, und gibt spektakulären Spezies wie Haien oder Löwen den Vorzug vor alltäglichen Arten wie Regenwurm oder Amsel. Die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne, die durch Social Media bedingt ist, verhindert zusätzlich, dass Kinder und Jugendliche die Beschreibungen und Namen von Arten, deren Bilder sie sehen, wirklich registrieren.
Lernen durch Erleben: Methoden für mehr Artenkenntnis im Alltag
Wie also kann man die Artenkenntnis von Kindern und Jugendlichen nachhaltig fördern? Dazu gibt es eine breite Palette an Möglichkeiten.
Mehr direkte Naturinteraktionen: Um ein positives Verhältnis zur Natur zu entwickeln, brauchen wir bereits als Kinder die Möglichkeit, frei und autonom draußen zu spielen – das fördert nicht nur die Neugier, sondern auch das Selbstvertrauen. Auf dieser Basis können dann weitere konkrete Angebote gemacht werden. Denn, wie in der Studie der TU Berlin festgestellt wurde, reicht es nicht, einfach nur Zugang zu Grünflächen zu haben – sowohl die Studienteilnehmer*innen mit wenig und viel Artenkenntnis besuchten Grünflächen ähnlich oft –, es muss dort auch die Möglichkeit geben, aktiv etwas über die Natur zu lernen und mit ihr zu interagieren.
Konkrete Projekte zur Interaktion mit anderen Lebewesen können sehr fruchtbar sein. Im Rahmen der Vogel-BISA-Studien wurde festgestellt, dass Kinder mit einem Nistkasten im Garten 1,3 Vogelarten mehr kannten; Kinder, die Vögel fütterten, kannten 1,7 Arten mehr. Analog dazu könnte man das Wissen um Insekten durch das Aufstellen eines Insektenhotels fördern und die Pflanzenkenntnis durch das Anlegen eines Herbariums. Durch solche Praktiken wird der Fokus auch aktiv auf regional existierende Arten gelenkt, die ebenso unsere Aufmerksamkeit verdient haben wie der hungernde Eisbär am Nordpol. Zudem können wir vor der eigenen Haustür auch viel einfacher direkt tätig werden, um gefährdete Arten zu schützen.
Citizen-Science-Projekte: Kinder und Jugendliche können auch aktiv selbst zur Wissenschaft beitragen und dadurch ihr Naturwissen verbessern. Wie die Vogel-BISA-Studie belegt, hatten Schüler*innen, die bei der „Stunde der Wintervögel“ des NABU mitmachten, mit 2,7 Arten über dem Durchschnitt die höchste Artenkenntnis. Eine tolle Initiative ist auch der „Dawn Chorus“, bei dem mit dem Smartphone Vogelstimmen gesammelt werden; hierfür gibt es extra Material für Schulen.
Wie die Euro Akademie Naturbildung fördert
Eine Umfrage unter Artenkenner*innen verweist darauf, dass es vielen Lehrer*innen und Pädagog*innen an Artenwissen mangelt. Dem steuert die Euro Akademie in ihren pädagogischen Ausbildungen aktiv entgegen. So lernen Erzieher*innen etwa an den Euro Akademien Hohenstein-Ernstthal und Chemnitz zahlreiche Methoden für die Umweltbildung oder vertiefen an der Euro Akademie Würzburg auf Exkursionen aktiv ihre Artenkenntnisse. Du willst dich für den Naturschutz einsetzen und folgende Generationen nachhaltig bilden? Dann bewirb dich für eine pädagogische Ausbildung bei uns!
Beitragsbild: shutterstock.com / Eric Isselee
