Intelligenz: angeboren oder antrainiert?

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Lilly und Emma gehen in eine Klasse. Beide strengen sich an – trotzdem schreibt Lilly immer die besseren Noten. „Kein Wunder“, meint Emmas Mutter, „ihr Vater ist ja auch Professor. Sie hat die Intelligenz einfach schon in die Wiege gelegt bekommen.“ Hat Emmas Mutter Recht? Bestimmen unsere Gene, wie schlau wir sind und wir können nichts daran ändern? Oder ist es doch die Umwelt, die unsere Intelligenz beeinflusst?

Was ist Intelligenz?

„Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst“, so die Definition von US-Psychologe Edwin Boring. Das ist natürlich ein Zirkelschluss – zeigt aber auch, wie schwer es ist, Intelligenz klar zu definieren. So gibt der Intelligenzquotient (IQ) die Fähigkeit zum logischen Denken und Problemlösen wider. Je nach Test kann die Gewichtung der verschiedenen Facetten aber ganz unterschiedlich sein. Während ein Test den Fokus auf räumliches Denken legt, misst ein anderer eher das verbale Verständnis.

Der IQ ist kein absoluter Wert, sondern gibt immer den Unterschied zum Mittelwert der Vergleichsgruppe an. Klingt kompliziert – mit einem Beispiel wird es aber schnell klar: Karl macht mit sechs Jahren einen IQ-Test und schneidet überdurchschnittlich gut ab, er bekommt ein Ergebnis von 120. Fünf Jahre später wird er wieder getestet. Jetzt kann er schon viel mehr Aufgaben lösen. Die Denkfähigkeit der anderen Kinder in seinem Alter hat sich aber auch weiterentwickelt. Und plötzlich ist Karls IQ nur noch bei 100. Das bedeutet nicht, dass Karls Intelligenz abgenommen hat. Sie hat sich nur im Vergleich zu den anderen Kindern langsamer entwickelt.

Außerdem kann der klassische IQ nie das ganze Spektrum der Fähigkeiten abdecken. Emotionale oder musikalische Intelligenz zum Beispiel. Der IQ ist zwar ein gutes Instrument, um Unterschiede in der kognitiven Leistungsfähigkeit zu erfassen – sein Leben sollte man davon aber nicht beeinflussen lassen.

Flynn-Effekt

Noch ein Fun-Fact, um auf der nächsten Party anzugeben: wir werden immer intelligenter. Verglichen mit einer Person, die vor 100 Jahren gelebt hat, ist ein Durchschnittsmensch heute hochbegabt. Die genauen Ursachen des sogenannten Flynn-Effekts sind nicht bekannt.  Ein Erklärungsmodell sind die verbesserten Umweltbedingungen. Bildung, Ernährung und Gesundheitsversorgung – all das könnte unseren IQ beeinflussen. Andere Forscher hingegen führen den Effekt auf die Gene zurück: Die genetische Durchmischung der Gesellschaft könnte zu einer Erhöhung des IQs beigetragen haben. Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage dieses Textes wären: Vererbung oder Erziehung? Was bestimmt denn nun die Intelligenz?

Gene oder Umwelt?

Diese Frage ist leider nicht so klar zu beantworten. Unstrittig ist, dass Intelligenz zumindest zum Teil vererbt wird. Heute geht man von etwa 60 Prozent aus. Ein Intelligenz-Gen gibt es aber nicht. Vielmehr ist es das Zusammenspiel von vielen verschiedenen Genvariationen, das unser Denkvermögen beeinflusst – so komplex, dass es die Wissenschaftler noch nicht durchblicken können. Und die Veranlagung ist nicht alles: Nur durch eine anregende Umwelt kann man die Fähigkeiten auch ausbilden und vertiefen. Deshalb fällt es den Wissenschaftlern schwer, den „Ursprung“ der Intelligenz herauszufinden: Haben die Eltern einen besonders hohen IQ, dann ist auch das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit kognitiv leistungsfähiger. Vielleicht lesen die Eltern aber auch öfter vor, fördern ihr Kind mehr oder investieren viel in frühkindliche Bildung – welcher Faktor ist dann für die Intelligenz verantwortlich?

Genetisches Startkapital

„Ich habe einen IQ von 100 und 60 Prozent der Intelligenz sind erblich. Das bedeutet, dass 60 IQ-Punkte von meinen Genen kommen und 40 von meiner Umwelt, oder?“ Ein häufiges Missverständnis, denn so einfach ist es leider nicht. Zum einen untersucht die Forschung nicht die Intelligenz als absoluten Wert – auch hier sprechen wir wieder von den Unterschieden zwischen den Menschen. Außerdem muss man die vererbte Intelligenz eher als Potential ansehen, das man von der Natur mitbekommt. Setzt man es nicht ein, wird es nutzlos. Deshalb ist der Einfluss der Gene auch von der Kultur abhängig: Sind die Chancen auf Bildung sehr ungleich verteilt, hat die Vererbung nur einen geringen Einfluss auf die Intelligenz. Viele Menschen kommen gar nicht dazu, ihr genetisches Startkapital zu nutzen. In einer perfekten Welt, in der jeder sein Potenzial voll ausschöpfen könnte, hätte die Umwelt dagegen gar keine Auswirkungen mehr auf Intelligenzunterschiede. Wer jetzt verwirrt ist, sollte sich das Video „Bestimmt deine Herkunft deine Intelligenz?“ von maiLab anschauen. Hier wird der wissenschaftliche Hintergrund noch einmal anschaulich erklärt.

Autor

Anna Rüppel

Anna Rüppel ist mit 1,78 m die Größte, wenn es um Ausbildung und Beruf geht. Als Kind war sie kleiner.