Umgang mit Rassismus in Kinderbüchern: Die Sicht der Welt wird früh geprägt

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„Schrecklich, mir vorzustellen, dass ich mein ganzes weiteres Leben als schwarzes Scheusal verbringen soll! – Ob es vielleicht ein Mittel dagegen gibt: ein Mittel, das einen wieder weiß macht…? Hoffentlich, hoffentlich!“, klagt das kleine Gespenst in Ottfried Preußlers gleichnamigen Klassiker.  Astrid Lindgrens Heldin Pippi Langstrumpf berichtet stolz von ihrem Papa, der als „Negerkönig“ auf einer Südseeinsel regiert. Und Jim Knopfs Abneigung gegen das tägliche Waschen erklärt der Autor Michael Ende ganz pragmatisch: „Das Waschen fand er besonders überflüssig, weil er ja sowieso schwarz war und man gar nicht sehen konnte, ob sein Hals sauber war oder nicht.“ Rassistische Begriffe und Aussagen kommen in vielen Kinderbüchern vor. Das betrifft besonders ältere Bücher – aber auch in modernen Werken gibt es problematische Passagen. Wie sollen Erzieher*innen und Eltern mit solchen Büchern umgehen? Darf man sie überhaupt vorlesen?  

Zeiten ändern sich

Zur Klarstellung: Keine*r der genannten Autor*innen war Rassist*in. Selbstverständlich sind ihre Werke Produkte ihrer Zeit und spiegeln damit auch das damalige Verständnis von Diversität und Rassismus wider. Doch das bedeutet nicht, dass wir dieses Verständnis einfach übernehmen können. Zu Lindgrens Zeiten wurde das N-Wort noch im normalen Sprachgebrauch verwendet, auch wenn das Wort selbst damals nicht weniger rassistisch war. Heute wissen wir es besser – warum sollten wir die diskriminierenden Begriffe also behalten? Das Wort „Negerkönig“  zum Beispiel wurde in neueren Auflagen der Pippi Langstrumpf-Reihe durch „Südseekönig“ ersetzt. Trotzdem handelt die Episode von Pippis Vater, der auf einer Südseeinsel strandet und von den Einwohner*innen direkt zum König gekrönt wird. Liegt es an seiner Hautfarbe? Vermittelt diese Geschichte koloniale Verhältnisse, in denen die Weißen über die Schwarzen herrschen – oder ist es nur eine unschuldige Kinderfantasie?

Kinder werden durch Bücher geprägt

Die Welt in Kinderbüchern ist klar strukturiert: Jungs erleben Abenteuer, Mädchen gehen reiten. Papa muss  zur Arbeit, Mama macht den Haushalt. Die Hautfarbe ist kein Thema – natürlich ist jeder weiß. 2019 hat die Süddeutsche Zeitung 50.000 Kinderbücher der letzten 70 Jahre mit dem Fokus auf Geschlechterrollen analysiert und gezeigt, dass die Darstellung der Charaktere auch heute noch Geschlechterstereotypen folgt. Kein Wunder, dass Mädchen schon im Alter von sechs Jahren davon ausgehen, dass Jungen klüger seien als Mädchen.

Wie die Geschlechterklischees prägen auch rassistische Vorurteile die Weltsicht eines Kindes. Kinderbücher geben Identifikation und Orientierung und stärken durch Rollenvorbilder das Selbstbewusstsein. Was aber, wenn People of Color negativ dargestellt werden oder gar nicht vertreten sind? Zum*r Rassist*in wird ein Kind so nicht, so der Kinderpsychologe Johannes Wilkes. „Aber es werden Ressentiments in den Köpfen geweckt. Ein Ressentiment ist etwa, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht ganz auf unserer Stufe stehen, wir sie aber trotzdem mögen. Solche Begriffe befördern Wertungen und schüren eine frühe Einteilung von Menschen in unterschiedliche Kategorien. Deshalb müssen wir auf die Worte achten, die wir benutzen und darauf, was sie in den Kindern auslösen.“

In vielen Büchern finden People of Color auch gar keine Repräsentation – oft sind alle Charaktere ganz selbstverständlich weiß. Besonders Kinder mit dunkler Hautfarbe fühlen sich deshalb ausgegrenzt, vermitteln diese Bücher doch eine Botschaft: Du bist anders und gehörst deshalb nicht dazu.

Wie soll ich mit Rassismus in Kinderbüchern umgehen?

Eltern und Erzieher*innen stehen vor einem Dilemma: Natürlich möchte man seinen Schützlingen die Held*innen der eigenen Kindheit näher bringen. Oft stecken aber gerade ältere Kinderbücher voller rassistischer (und oft auch sexistischer) Äußerungen und Geschichten. Beim Vorlesen in Kinderzimmer und Kita ist also viel Aufmerksamkeit und Fingerspitzengefühl gefragt. Einzelne Begriffe kann man einfach ersetzen oder auslassen. Bei vielen Büchern ist das in neueren Auflagen schon geschehen. Es lohnt also, sich bei schwierigen Begriffen zu informieren, wie der Verlag das Problem gelöst hat. Dafür ist es natürlich notwendig, die eigenen Bücherregale aufmerksam zu durchforsten und die Geschichten kritisch zu lesen. Denn wer Rassismus nicht erkennt, kann auch nicht dagegen vorgehen. Die Pädagogin Christiane Kassama sieht besonders in Kitas noch Handlungsbedarf. Im Interview mit der Zeit fordert sie ein Antirassismustraining für jede*n Erzieher*in.  Denn „[…] genau da wollen wir hin: dass die Hautfarbe keine Rolle spielt.“

Buchtipps für mehr Vielfalt und Toleranz

Vertrackter wird es bei ganzen problematischen Passagen oder Kapiteln. Auch die Illustrationen in Bilderbüchern stellen People of Color oft negativ dar. Und selbst wenn diese Inhalte nicht rassistisch gemeint sind – warum nicht einfach ein anderes Buch wählen, das Vielfalt und Toleranz fördert? Hier ein paar Tipps:

  • Constanze von Kitzing: Ich bin anders als du, ich bin wie du (ab 2 Jahren)Ich bin Einzelkind, aber meine Freundin hat drei Geschwister. Ich finde Tiere toll, genau wie mein bester Freund. Dieses Wendebuch findet ganz verschiedene überraschende Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
  • Karin Beese, Mathilde Rousseau: Nelly und die Berlinchen (ab 3 Jahren)Nelly und ihre Freundinnen Amina und Hannah erleben gemeinsam die größten Abenteuer. Ihre Hautfarben und Religionen werden bewusst nicht thematisiert – in den detaillierten Illustrationen kann sich aber jedes Kind wiederfinden.
  • Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau (ab 4 Jahren)Julian findet Meerjungfrauen toll, er wäre am liebsten selbst eine. Zum Glück akzeptiert ihn seine Oma genauso, wie er ist.
  • Anna Fiske: Alle haben einen Po (ab 4 Jahren) Egal ob groß, klein, jung, alt: Unsere Körper sind alle verschieden, aber wir haben ganz viele Gemeinsamkeiten. Wir müssen essen, schlafen, uns waschen, machen lustige Geräusche – und wir haben alle einen Po.
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Autor

Anna Rüppel

Anna Rüppel ist mit 1,78 m die Größte, wenn es um Ausbildung und Beruf geht. Als Kind war sie kleiner.