Die eigenen Stärken erkennen

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Es ist die klassische Frage im Vorstellungsgespräch: „Wo liegen Ihre Stärken?“. Bewerbungsexperten raten meist dazu, Stärken zu nennen, die auf das Jobprofil passen. Leider ein Trick, den auch Personaler kennen und ziemlich schnell durchschauen. Denn gerade Ihre persönlichen Stärken und Schwächen sind Besonderheiten, die Sie von den anderen Bewerber*innen abheben. Wer bei dieser Frage Charakter zeigt, hat den Job schon fast in der Tasche. Aber auch Schüler*innen und Auszubildende sollten ihre eigenen Talente kennen: Denn nur so kann ich einen Beruf finden, der auf Dauer Spaß macht und mich erfüllt.

Aber wie kann ich meine Stärken überhaupt herausfinden? Vielleicht wäre ich eine begnadete Saxophonistin oder eine großartige Fliesenlegerin – zwei Dinge, die ich leider nie ausprobiert habe. Andere Talente erscheinen mir vielleicht so selbstverständlich, dass ich sie gar nicht wahrnehme. Und ob ich flexibel und belastbar bin, weiß ich doch selbst gar nicht so genau.

Wir sind talentblind

Frau Müller arbeitet seit 30 Jahren im Café an der Ecke. Betrag und Rückgeld rechnet sie im Kopf aus – das geht schneller, als alles extra in die Kasse einzutippen. Wenn ich sie auf ihre beeindruckenden Kopfrechenfähigkeiten anspreche, lacht sie nur: „Das ist doch ganz normal.“ Frau Müller ist blind für ihre eigenen Stärken. So geht es uns allen. Dinge, die wir täglich tun – egal ob in Schule und Ausbildung, im Job oder im Alltag – erscheinen uns ganz selbstverständlich. Die Suche nach Ihren Stärken beginnt also bei den ganz alltäglichen Dingen. Was fällt Ihnen leicht, was macht Ihnen Spaß? Welche Werte, Wünsche und Ziele haben Sie? Am besten legen Sie sich eine Liste an. Die hilft Ihnen bei der Berufswahl und der Bewerbung – oder im Alltag, wenn Ihr Selbstbewusstsein mal einen kleinen Schubs braucht. Aber wir müssen die Liste noch ein wenig ergänzen.

#Neueswagen

Viele Ihrer Talente haben Sie wahrscheinlich noch gar nicht entdeckt. Auch wenn Verwegenheit vielleicht nicht zu Ihren Stärken zählt – manchmal muss man sich etwas trauen, um weiter zu kommen. Egal, ob es ein Töpferkurs oder ein Kurztrip nach Paris ist, mit jeder neuen Erfahrung lernen Sie mehr über sich selbst. Und auch hier geht es nicht nur um die offensichtlichen Talente. Vielleicht macht Ihnen das Töpfern Spaß, obwohl Ihre Schüsseln alle aussehen wie – Pardon – Hundekot. Auch die Lust, etwas zu erschaffen, sich kreativ zu verwirklichen und die Fähigkeit, geduldig zu sein und an einer Sache dran zu bleiben (und wenn es nur eine hässliche Schüssel ist) sind Stärken. Und vielleicht entstehen daraus neue Karrieremöglichkeiten.

Mein Charakter ist meine Stärke

Besonders jungen Leuten fällt es oft schwer, sich selbst richtig einzuschätzen. Sind Sie belastbar? Teamfähig? Kreativ? Verantwortungsbewusst? Alles Eigenschaften, die jeder in einem gewissen Maße mitbringt – oft aber nur leere Worthülsen. Es gibt doch so viele positive Eigenschaften, die Sie von den anderen abheben. Wieso also nur den Bewerbungsratgeber nachplappern?

Der beste Ansprechpartner auf der Suche nach sich selbst sind Freundeskreis und Familie. Fragen Sie Ihr Umfeld einfach ganz direkt, welche Eigenschaften sie an Ihnen schätzen. So lernen Sie Einiges über sich selbst, das Ihnen gar nicht bewusst war. Mangelt es Ihnen an Mut (oder an Freund*innen), hilft auch ein Persönlichkeitstest, um den eigenen Charakter besser kennen zu lernen. Am bekanntesten ist der Big Five Test, der die fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus misst.

Ein Hoch auf die Schwäche

Glaubt man Bewerbungsexperten, sollten Sie möglichst keine Schwächen haben. Stattdessen gilt es, positive Eigenschaften als Schwäche zu verkaufen, à la „Ich bin perfektionistisch und ich arbeite zu hart“. Solche Scheinschwächen sind vor allem eins: langweilig. Perfekte Menschen sind nicht menschlich und bleiben nicht im Gedächtnis (und glauben wird Ihnen das auch keiner). Deshalb: Mut zur Schwäche! Gerade die kleinen Macken und Fehler machen uns doch erst sympathisch und zu einer Persönlichkeit. Natürlich ist nicht jede Schwäche ein geeigneter Einstieg für Smalltalk oder Bewerbung. Wenn Sie ein chronischer Langfinger sind und sich nicht gerade als Taschendieb bewerben, erwähnen Sie das besser nicht (und beginnen am besten eine Therapie gegen Kleptomanie). Außerdem gibt es auch Tabu-Schwächen für bestimmte Jobs. Ein*e Pilot*in mit Flugangst wird wohl kein Arbeitgeber einstellen. Aber wenn Sie manchmal kindisch, schüchtern oder ungeduldig sind, dann geben Sie es ruhig zu. Denn so beweisen Sie gleich Ihre größte Stärke: Ehrlichkeit.

Na, haben Sie Ihre Stärken gefunden? Vielleicht
passen die ja zu einer unserer Ausbildungen. Die gibt es hier.

Autor

Anna Rüppel

Seit April 2019 macht Anna Rüppel den Auszubildenen das Leben ein bisschen leichter – mit Tipps und Neuigkeiten zu den Themen Ausbildung, Studium und Beruf.