Der Fehler – ein Plädoyer

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Sicher haben Sie sich auch schon mehr als einmal gewünscht, die Tastenkombination „Strg+Z“ gäbe es auch im richtigen Leben. Einfach mit einem Klick das Geschehene rückgängig machen. Die Porzellantasse aus Meißen der verstorbenen Lieblingsomi Gertrud ist runtergefallen? Klick. Der zweijährigen Tochter tropft ausgerechnet heute, wo Sie keine Wechselkleidung eingepackt haben, die Lieblings-Tomatensauce beim Lieblingsitaliener aufs weiße Lieblingskleid? Klick. Der Typ, der ehemals ihr Traummann war und heute ihr Ehemann ist, entpuppt sich als langweiliger Egoist? Klick.

Es gibt kleine Fehler, die sich leicht rückgängig machen lassen. Aber es gibt auch die großen Fehler: falsche Lebensentscheidungen, vermasselte Abschlussprüfungen oder solche, die Unfälle mit Verletzten oder gar Toten nach sich ziehen. Generell schwingt bei dem Begriff „Fehler“ immer etwas Negatives, Unerwünschtes mit. Dass Irrtümer jedoch durchaus auch positive Aspekte haben können, soll dieses Plädoyer auf den Fehler zeigen.

Der Weg zum Erfolg

Der US-amerikanische Psychologe George A. Miller definierte den Fehler im Jahr 1960 als „alle Abweichungen des Ist-Zustands vom Soll-Zustand“. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia findet eine anschaulichere Formulierung: „Ein Fehler ist die Abweichung eines Zustands, Vorgangs oder Ergebnisses von einem Standard, den Regeln oder einem Ziel.“ Doch wer gibt den Standard oder die Regeln vor? Die Gesellschaft, das Unternehmen, der Chef? In allen drei Fällen basiert die Entscheidung darüber, ob eine Handlung richtig oder falsch ist, auf Beurteilungen und Wertungen von Menschen. Und diese können nie objektiv sein.
Doch beide Definitionen weisen auch auf einen Vorteil hin. Zur Beurteilung der Abweichung ist nämlich ein Soll-Zustand beziehungsweise ein Ziel notwendig. In einem ersten Schritt muss also zunächst einmal ein Ziel festgelegt werden. Das kann hilfreich sein bei der Beschreibung von Prozessen und dem Weg zum Erfolg. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten nach dem IHK-geprüften Abschluss Ihrer Ausbildung zum Übersetzer und Dolmetscher selbständig als freier Übersetzer und bekommen den Auftrag, einen zweihundertseitigen Katalog eines Pharma-Unternehmens ins Englische zu übersetzen. Es winkt Ihnen ein lukratives Honorar. Doch mit Pharmaprodukten kennen Sie sich überhaupt nicht aus? Ein erster Schritt wäre es nun, durch entsprechende Wörterbücher Ihr Vokabular in diesem Bereich zu erweitern. Danach könnten Sie englischsprachige Webseiten von Pharma-Unternehmen studieren, um weiter mit diesem Industriesektor vertraut zu werden. Nebenbei bemerkt: Dass man als Übersetzer gute Berufsaussichten und Verdientsmöglichkeiten hat, zeigt dieser Artikel der Zeit.

Irren ist menschlich

Beim Streben nach Erfolg sollten Sie mutig sein – ohne immer einen möglichen Misserfolg im Hinterkopf zu haben. Schon der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer warnte:

„Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“

Die Angst, etwas falsch zu machen, kann lähmen und dadurch unser Leistungsvermögen einschränken. Um dies zu vermeiden, sollten wir uns öfter in Erinnerung rufen, dass wir Menschen und keine Maschinen sind. Irren ist menschlich. Sind wir doch mal ehrlich: Die YouTube-Videos von Menschen, die bekleidet in den Swimmingpool fallen, dick eingemummelt auf eisglatten Gehwegen ausrutschen oder zu große Lastwagen durch zu kleine Brücken fahren, erheitern Sie doch auch? Nicht umsonst hatte das Video mit dem Titel „Lustige Arbeitsunfälle 2017“ innerhalb von zwei Jahren über 800.000 Aufrufe.

Die Comedian Celeste Barber machte mangelnde Perfektion gar zu ihrem Markenzeichen: Mittlerweile sechs Millionen Mensch folgen der Australierin auf Instagram, um zu sehen, wie sie Modellfotos nachstellt. Natürlich sieht sie dabei nicht aus wie Toni Loba oder Céline Bethmann, sondern ist entweder zu mollig oder zu ungelenkig oder zu albern. Meistens alles drei auf einmal. Und das ist richtig ulkig. Ganz nebenbei erbringt sie den Beweis, dass es etwas was gibt, was viel schöner ist als Photoshop oder Filter: die Realität – mit allen Ecken und Kanten.

Lernen aus Fehlern

Fehler sind auch aus pädagogischer Sicht hilfreich, denn sie ermöglichen demjenigen, der sie macht, Einsichten in Defizite und Schwächen seines Wissens oder seiner Vorgehensweisen in bestimmten Situationen. Glaubt man dem Volksmund, dann wird man aus Fehlern klug. Diese Weisheit lässt sich auch auf das Berufsleben übertragen. Will man kluge Mitarbeiter, muss man eine gesunde Fehlerkultur etablieren. Bestrafungen fördern nicht die Verbesserung der Arbeitsprozesse. Zunächst ist es wichtig, dass der betreffende Mitarbeiter den Fehler zugibt. Erst dann kann man gemeinsam proaktiv nach Lösungen und insbesondere der Ursache für die Abweichung vom Soll-Zustand suchen. Nur so lassen sich Fehler langfristig verhindern.
Grundsätzlich gilt es außerdem, häufige Fehlerursachen wie zu geringe oder fehlende Aufmerksamkeit, Konzentration oder Motivation sowie Ablenkung, Monotonie, Müdigkeit oder Stress zu vermeiden. Machen Sie deshalb regelmäßige Pausen! Fehlendes Fachwissen kann auch zu Fehlentscheidungen oder falschen Handlungen führen. Hier schaffen Fort- und Weiterbildungen Abhilfe.

Ein Fehler – wie schön!

Noch eine Anekdote, die zeigt, wie schön es ist, nicht immer alles richtig zu machen:
Neulich fuhr ich mit dem Rad zu einer Freundin. Sie wohnt am anderen Ende der Stadt und ich nehme immer den gleichen Weg zu ihr, entlang der Hauptverkehrsstraße, weil dieser mir als die kürzeste Verbindung zwischen uns erscheint. Neulich aber habe ich einen Fehler gemacht: Ich bin ich an einer Kreuzung falsch abgebogen. Und was soll ich sagen? Es war großartig! Ich entdeckte eine Eisdiele, die ich noch nicht kannte. Fuhr durch einen kleinen Park mit einem Ententeich, der mir bislang verborgen geblieben war. Und kam schließlich entspannt bei meiner Freundin an, der ich freudig von meinen Entdeckungen erzählte. Das alles nur: weil ich einen Fehler gemacht hatte.

Autor

Nadine Elbert

Seit August 2019 schreibt Nadine Elbert hier im Wechsel über Themen aus den Bereichen Ausbildung, Studium und Beruf – und schöpft dabei auch aus ihrem reichhaltigen persönlichen Erfahrungsschatz.