Corona und Depression: psychisch gesund trotz Krise

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Seit mehr als einem halben Jahr ist Corona unsere ständige Begleiterin. Für die meisten ist nicht nur die Angst vor der Krankheit eine Belastung ­– durch Kontaktbeschränkungen, Homeschooling, Kurzarbeit oder sogar Jobverlust hat sich unser Alltag komplett verändert. Und noch ist kein Ende der Krise in Sicht. Steigende Fallzahlen, kalte trübe Tage und die Aussicht, auch im Herbst und Winter auf vieles verzichten zu müssen, machen uns Angst. Diesem Druck standzuhalten und zusätzlich noch in Schule, Arbeit und Haushalt zu funktionieren, fällt oft nicht leicht. Deshalb ist es gerade jetzt essenziell, auch auf die psychische Gesundheit zu achten, Belastungen ernst zu nehmen und sich Hilfe zu suchen. Und, wichtiger denn je, auch auf unsere Lieben acht zu geben, sie zu unterstützen und manchmal füreinander da zu sein – selbst, wenn es nur virtuell ist.

Die psychische Belastung während der Corona-Pandemie ist enorm: Angst, Stress und Einsamkeit bestimmen unseren Alltag. Besonders im Frühjahr 2020, als die Einschränkungen am größten waren, stieg auch die Zahl der psychischen Krankheiten stark an. Die NAKO Gesundheitsstudie kam zu dem Ergebnis, dass es gerade in Regionen mit vielen Corona-Fällen häufiger Depressionen gab, vorwiegend in der Gruppe der 20- 50-Jährigen. „Die psychische Belastung bei jungen bis mittelalten Menschen, zwischen 20 und Ende 40, war besonders groß“, so Studienleiter Professor Klaus Berger im Interview mit der FAZ. Am stärksten seien demnach junge Frauen bis Ende 30 von der Verschlechterung betroffen: „Dazu dürfte die Belastung durch Homeoffice, Pflege und Betreuung sowie Haushalt beigetragen haben“, erklärt Berger.

Offensive Psychische Gesundheit

Der Schutz der psychischen Gesundheit ist in der Politik inzwischen ein wichtiges Thema.  Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn starteten am 5. Oktober 2020 gemeinsam mit einem breiten Bündnis von über fünfzig Institutionen aus dem Bereich der Prävention die „Offensive Psychische Gesundheit“, damit der gesellschaftliche Umgang mit psychischen Belastungen offener wird. Ziel der Offensive ist es, die Wahrnehmung für die eigenen psychischen Belastungen und Grenzen zu schärfen und Betroffenen einen offeneren Umgang damit zu ermöglichen. Darüber hinaus möchte die Offensive die Vielzahl der Präventionsanbieter in  Deutschland besser vernetzen.

Ein notweniger Schritt, da psychische Krankheiten immer noch oft ein Tabu sind und Betroffene nicht die notwendige Hilfe bekommen. Die Corona-Krise macht die Sensibilisierung für Belastungen und Erkrankungen nochmal wichtiger. „Nicht nur eine Infektion selbst kann krank machen, sondern auch die Sorge davor“, warnt Jens Spahn. „Die Corona-Pandemie bedeutet für viele auch eine enorme psychische Belastung, die bei manchen sogar behandlungsbedürftig werden kann. Gerade in dieser Zeit ist es deshalb wichtig, mit Aufklärungsarbeit und Unterstützungsangeboten für psychische Gesundheit zu sensibilisieren und einen frühen Zugang zu Hilfe zu erleichtern.“

Corona und Du

Auch für Kinder und Jugendliche hat sich das Leben durch Corona von heute auf morgen verändert – Normalität gibt es plötzlich nicht mehr. Die Studie JuCo der Universitäten Hildesheim und Frankfurt zeigt, wie Kinder und Jugendliche unter der Verunsicherung und Überforderung leiden. In der Befragung berichten sie von Einsamkeit, psychischer Belastung und einem Gefühl der Ohnmacht.

Um junge Menschen in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen, hat die Kinder- und Jugendpsychiatrie des LMU Klinikums München gemeinsam mit der Beisheim Stiftung das Infoportal Corona und Du ins Leben gerufen. Hier gibt es Übungen, um die eigene psychische Gesundheit zu stärken, konkrete Handlungstipps zum Umgang mit den Herausforderungen der Corona-Krise und eine Sammlung der wichtigsten Anlaufstellen und Seelsorge-Angebote.

Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne ist Direktor der Klinik und hat mit seinem Team die Inhalte für das Portal erarbeitet. Im Interview beschreibt er die Beweggründe des Projekts: „Kinder und Jugendliche leiden aufgrund der Corona-Pandemie. Wir möchten mit unserem Portal psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen eine Plattform bieten, um sich Hilfe und Tipps für ein Leben mit Corona einzuholen. […] Besonders junge Menschen sind überfordert und können sich nicht so helfen wie Erwachsene. Ähnlich wie die Unterstützung vom Staat für Unternehmen wünsche ich mir eine Hilfe für unsere Kinder und Jugendlichen. Denn sie sind schließlich die Zukunft unseres Landes!“

Tipps für die seelische Gesundheit

Die Krise ist für uns alle eine massive Belastung, deshalb müssen wir alle darauf achten, unser seelisches Gleichgewicht nicht zu verlieren. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde hat fünf Empfehlungen zusammengestellt, die uns in dieser Ausnahmesituation helfen können:

1. Bewusst informieren

Ständig gibt es neue Zahlen, Push-Nachrichten, Updates im Liveticker oder Spezialsendungen im Fernsehen. Das setzt uns unter Dauerstress. Natürlich ist es wichtig, informiert zu bleiben – aber bewusst und in Maßen. Und es ist völlig in Ordnung, das Handy, den Fernseher und das Radio einfach mal abzuschalten.

2. Den Alltag nicht verlieren

Feste Schlafens- und Essenszeiten helfen, die innere Stabilität zu bewahren. Auch wenn Sie zu Hause lernen oder arbeiten, sollten Sie feste Zeiten einhalten. In Ihrer Freizeit konzentrieren Sie sich auf Aktivitäten, die Ihnen guttun und zum seelischen und körperlichen Wohlbefinden beitragen: zum Beispiel ein leckeres und gesundes Essen, ein entspannendes Bad oder Bewegung an der frischen Luft.

3. Austausch und Hilfe

Trotz Beschränkungen gibt es viele Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben. Der Austausch über Sorgen und Gefühle kann unheimlich entlastend sein besonders für Menschen, die sich gerade einsam fühlen. Ein Anruf bei Oma, eine WhatsApp-Nachricht an den Nachbarn oder ein Brief an Tante Inge können viel bewirken und senden die Botschaft „du bist nicht allein“.

4. Positive Gefühle stärken

Es ist total okay, gerade genervt, wütend, verzweifelt oder traurig zu sein. Diese Gefühle dürfen Sie anerkennen, konzentrieren sollten Sie sich aber auf das Positive. Nehmen Sie sich aktiv vor, sich nicht in die negativen Gefühle hineinzusteigern. Achten Sie auf alle Gedanken, Erlebnisse und Aktivitäten, die positive Gefühle in Ihnen auslösen – der Herbstspaziergang im Park, das Lieblingslied im Radio oder die Tasse Tee auf der Couch.

5. Professionelle Hilfe

Wenn Sie merken, dass Sie die Belastung nicht allein bewältigen können, suchen Sie sich unbedingt Hilfe! Erste*r Ansprechpartner*in ist Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt. Auch durch den Anruf der psychologischen Beratungsstelle in Ihrer Stadt oder bei der Telefonseelsorge bekommen Sie schnell professionelle Hilfe.

Suchst du Hilfe oder einfach jemandem zum Reden? Bei der TelefonSeelsorge unter der Nummer 0800 1110-111 oder 0800 1110-222 kannst du jederzeit anrufen – anonym und kostenfrei. Auch per Chat und per E-Mail bekommst du kostenlos Hilfe und Beratung. 

Bildquelle Beitragsbild: © Mary Long/shutterstock.com

Autor

Anna Rüppel

Anna Rüppel ist mit 1,78 m die Größte, wenn es um Ausbildung und Beruf geht. Als Kind war sie kleiner.