Erziehung: Dialekte machen schlau

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Ich kann ja stolz behaupten, dass ich zweisprachig erzogen wurde. Auf der Wiese beobachtete ich die Mähamber, wurde von Petzemese gezwickt und mit etwas Glück begegnete ich sogar einem Wochwaver. Mein Vodder brachte mir den Dialekt seines Heimatdorfs bei, auch wenn de Moider davon nicht begeistert war. „Nein, nein“, werden Sie vielleicht sagen, „zweisprachige Erziehung bedeutet, mit den Kindern Englisch zu reden, Französisch oder sogar Chinesisch. Mein Kind soll nicht sprechen wie ein Dorfdepp.“ Doch ein Dialekt ist viel mehr als ein folkloristisches Überbleibsel – die Erziehung in Mundart kann die Sprachentwicklung fördern.

Bayrisch, Sächsisch, Schwäbisch, Hessisch oder Plattdeutsch – jeder zweite Deutsche spricht einen Dialekt. Trotzdem verlieren die Mundarten an Bedeutung. Genau wie Mehl, das man in eine Schüssel Wasser gibt, verwässern auch sie immer mehr. Früher unterhielt man sich hauptsächlich mit den Leuten aus dem eigenen Dorf. Seit es Fernsehen und Radio gibt, hören (und sprechen) wir im Alltag meistens Hochdeutsch. In den 60er Jahren waren Dialekte deshalb als Zeichen von niedrigem sozialem Status verpönt. Eltern brachten ihrem Nachwuchs perfektes Hochdeutsch bei, um sie vor diesem Makel zu bewahren. Doch inzwischen weiß man: Die Erziehung in Mundart bringt für die Kinder viele Vorteile – und zwar ein Leben lang.

Zweitsprache Dialekt

Bilinguale Erziehung wirkt sich positiv auf die kognitive Entwicklung eines Kindes aus. Sie stärkt die Konzentrationsfähigkeit, das Erinnerungsvermögen und macht es später leichter, weitere Sprachen zu meistern. Dem Gehirn ist es aber egal, ob ein Kind Französisch oder Fränkisch lernt. Denn auch ein Dialekt ist ein eigenes Sprachsystem, das sich im Vokabular, der Aussprache und den grammatikalischen Strukturen vom Standarddeutschen unterscheidet. Die Leistung ist also die gleiche: Die Kinder müssen lernen, dass man die gleichen Dinge mit verschiedenen Wörtern bezeichnen kann und dass Sprache in verschiedenen Systemen funktioniert.

Außerdem hilft die Mundart dabei, den Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache zu verstehen. Nicht jedes Wort wird so geschrieben, wie es ausgesprochen wird – auch im Hochdeutschen. Kinder, die mit einem Dialekt aufwachsen, können dieses Konzept besser begreifen. Das hat auch eine Studie der Uni Oldenburg ergeben: Die Wissenschaftler*innen untersuchten Aufsätze von Dritt- bis Sechstklässler*innen. Schülerinnen und Schüler, die einen Dialekt beherrschten, produzierten 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler. Auch die Pisa-Studie verwies schon 2010 darauf, dass Dialekte den Kindern ein Potential mitgeben, dass es zu nutzen gilt. Neben der Sprachfähigkeit würden besonders die Auffassungsgabe und das abstrakte Denken durch die Mundart verbessert.

Die Mischung macht’s

Natürlich sollte ein Kind auch Hochdeutsch lernen – das wird aber kaum zu vermeiden sein. Denn die Kleinen werden tagtäglich mit der Standardsprache konfrontiert: im Fernsehen, beim Vorlesen, in Hörspielen oder beim gemeinsamen Singen. Spätestens im Kindergarten wird sie auch zur Kommunikation gebraucht. Zu Hause darf also gerne Dialekt gesprochen werden. Im Optimalfall kann das Kind dann später situationsbedingt zwischen Mundart und Hochdeutsch wechseln.

Identität und Tradition

Dialekte verbinden. Sie schaffen ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den Sprecher*innen und sind ein Teil der persönlichen Identität, der Heimat und der Kultur. Deshalb sind alle Hessinnen und Hessen auch ein bisschen Goethe. Der gebürtige Frankfurter dichtete in seinem Faust: „Ach neige, Du Schmerzenreiche“ – ein Reim, der nur in breitestem Hessisch funktioniert.

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Autor

Anna Rüppel

Anna Rüppel ist mit 1,78 m die Größte, wenn es um Ausbildung und Beruf geht. Als Kind war sie kleiner.