Filmtipp: Mitgefühl – Pflege neu denken

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„Königin Margrethe wird heute 80 – so ein großer Geburtstag.“ Die Pflegerinnen verteilen Sekt und Erdbeerkuchen und die Senior*innen stoßen fröhlich an. Die Stimmung ist ausgelassen, Inge füttert ihren Mann Jørgen sogar mit Kuchen. Doch als jemand die Musik aufdreht, wird der 89-jährige Torkild wütend, beginnt herumzuschreien. Lotte, eine der Pflegerinnen, lässt sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. Sanft nimmt sie Torkild an der Hand und begleitet ihn nach draußen, hört ihm zu und nimmt seine Gefühle ernst. „Da müssen wir das nächste Mal dran denken, wenn wir Musik anmachen.“, sagt sie. Eine beeindruckende Szene im Film Mitgefühl, der seit dem 23. September in deutschen Kinos läuft.

Das Leben mit Demenz genießen – ist das überhaupt möglich? Im dänischen Pflegeheim Dagmarsminde, in dem zwölf Demenzkranke in einer Art Wohngemeinschaft behandelt werden, ist genau das der therapeutische Ansatz. Regisseurin Louise Detlefsen begleitet in ihrem Dokumentarfilm Mitgefühl das Leben im Heim über eineinhalb Jahre. Herausgekommen ist ein berührender Film, der sich mit den brandaktuellen Fragen befasst, wie wir leben, altern und sterben wollen und was wir uns für unsere Angehörigen wünschen.  Hier können Sie den Trailer zum Film anschauen.

Birthe und Inge stoßen an
© Per Fredrik Skiöld

Gefühle und Respekt 

„In Dagmarsminde verbringen die Menschen viel Zeit zusammen. Wenn man dahin kommt, ist es, als würde man eine Familie besuchen,“ so beschreibt Detlefsen die besondere Atmosphäre dort. All das ist Teil der Behandlungsmethode: Statt mit hochdosierten Medikamenten werden die Bewohner*innen mit Gesprächen, Berührungen und vor allem mit viel Respekt behandelt. „Umsorgung“ nennt Heimgründerin May Bjerre Eiby dieses Konzept. Während ihrer Ausbildung als Pflegefachkraft war Eiby schockiert, wie lange die Bewohner*innen in anderen Pflegeheimen alleine gelassen wurden. Nachdem ihr eigener Vater an Demenz erkrankte, gründete Eiby Dagmarsminde – ein Heim, in dem der Fokus auf zwischenmenschlichen Beziehungen, der Freude an der Gemeinschaft und dem Naturerleben liegt. Auch wenn die Bewohner*innen am Frühstückstisch oft wieder vergessen haben, wo sie sind und ob ihr*e Ehepartner*in noch bei ihnen ist, holt sie der liebevolle Umgang des Teams immer wieder ins Hier und Jetzt.  

Inge und Jørgen 
© Per Fredrik Skiöld

Rund 1,6 Millionen Deutsche leben mit Demenz, die meisten davon leiden an der Alzheimer-Krankheit. Jeden Tag kommen etwa 900 Neuerkrankungen hinzu. Und auch wenn der Verlauf der Demenzerkrankung beeinflussbar ist – eine Heilung gibt es bisher nicht. Sollte sich das nicht ändern, werden nach aktuellen Berechnungen im Jahr 2050 bis zu 2,8 Millionen Menschen in Deutschland von Demenz betroffen sein. Konzepte für einen würdevollen Umgang mit Demenzkranken sind also dringend notwendig. 

Ein neues Verständnis von Pflege 

Genau das bietet Mitgefühl. Der einfühlsame Dokumentarfilm möchte nicht vorschreiben, wie Pflege auszusehen hat. Er bietet vielmehr eine Inspiration für ein neues Verständnis von Pflege. Mitgefühl gewährt einen warmherzigen wie inspirierenden Blick in den Alltag von Menschen mit Demenz und in eine Welt, in der die Kraft menschlicher Nähe kleine Wunder zu bewirken vermag. Ein Plädoyer für ein würdevolles und glückliches Lebensende. 

Regisseurin Louise Detlefsen möchte mit ihrem Film zum Nachdenken anregen: „Aus sozialer Sicht kann man viel von der Pflege in Dagmarsminde lernen. Der Verzicht auf große Mengen an Medikamenten, die viele ältere Menschen erhalten, und die Möglichkeit, medizinische Behandlung durch Pflege zu ersetzen, ist meiner Meinung nach sowohl visionär als auch revolutionär in Bezug auf die Altenpflege, die in den letzten Jahren nach einer Reihe von Enthüllungen über Vernachlässigungen kritisch diskutiert wurde. Wie können wir sicherstellen, dass wir als Menschen mit Respekt und Würde behandelt werden, auch wenn wir uns nicht mehr erinnern können, schwach und auf die Hilfe anderer angewiesen sind? Für mich ist das eine wesentliche Frage und ich hoffe, dass der Film eine Debatte darüber anstoßen kann.“ 

May und Birthe auf der Schaukel
© Marie Hald

Und was meinen Sie?

Was meinen Sie: Muss unser Verständnis von Altenpflege reformiert werden? Wie können wir Demenzkranken ein Leben in Würde ermöglichen? Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften unter magazin@euroakademie.de.  

Autor

Anna Rüppel

Anna Rüppel ist mit 1,78 m die Größte, wenn es um Ausbildung und Beruf geht. Als Kind war sie kleiner.