Kommunikativ, auditiv – ein bisschen naiv? Warum Lerntypen ein Mythos sind

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Sie lesen sich die Französischvokabeln immer laut vor? Dann haben Sie sicher schon den Tipp bekommen, dass Sie als auditiver Lerntyp den Stoff mit Podcasts, Hörbüchern und Gesprächen vertiefen sollen. Wenn wir nämlich eins gut können, dann ist es Menschen in Kategorien einzuordnen. Und so glauben Schüler*innen, Eltern, Lehrkräfte und Autor*innen des Euro Akademie Magazins (sorry, Tanja!) weiterhin an den Mythos der Lerntypen. Dabei konnte bisher in keiner Studie bewiesen werden, dass es diese unterschiedlichen Lerntypen gibt. Aber wie kam es zu dieser Idee und warum hält sie sich so hartnäckig? Und vor allem: Wie kann man trotzdem effektiv lernen?

Woher kommt die Theorie der Lerntypen? 

Tatsächlich lässt sich sehr einfach nachverfolgen, wie die Idee der Lerntypen in die Welt kam: Frederic Vester war der Übeltäter! Der deutsche Biochemiker, Universitätsprofessor und populärwissenschaftliche Autor postulierte in seinem 1975 erschienenen Buch „Denken, Lernen, Vergessen“ die folgenden Lerntypen:  

  • Auditiv: lernt durch Hören und Sprechen 
  • Visuell: lernt durch Sehen und Beobachten 
  • Haptisch: lernt durch Anfassen und Fühlen 
  • Intellektuell/Kognitiv: lernt durch Lesen und Nachdenken 

Dazu entwickelte Vester einen Lerntypentest, um den eigenen Lerntyp festzustellen. Aber: Das alles geschah ohne jeden empirischen Nachweis! Weder für die Lerntypen, noch für den Lerntypentest gibt es eine wissenschaftliche Grundlage.  

Aber warum konnte sich dieses wirkungslose Konzept durchsetzen? Warum ist es noch heute bekannt und beliebt – nicht nur bei Laien, sondern auch bei Lehrkräften, Coach*innen und Pädagog*innen? Ein Grund ist sicher die Einfachheit der Theorie. Jede*r kann sie verstehen und anwenden. In den verschiedenen Typen findet sich auch jede*r irgendwie wieder. Ein klassischer Fall von Barnum-Effekt, der zum Beispiel auch bei Horoskopen zum Tragen kommt. Wir neigen dazu, vage und allgemeingültige Aussagen als zutreffende Beschreibung unserer Persönlichkeit zu interpretieren. Und Beschreibungen wie „Ich verstehe etwas oft besser, wenn es als Diagramm oder Foto dargestellt ist“ sind eben sehr allgemein gehalten. 

Abschied vom Mythos Lerntypen 

Obwohl sich diese Annahme hartnäckig hält: Bisher hat keine Studie beweisen können, dass es solche unterschiedlichen Lerntypen gibt. Offen gestanden finde ich allein die Grundannahme absurd. Sie suggeriert ja, dass Menschen ihre Umgebung wie durch einen voreingestellten Filter nur mit Augen oder Ohren wahrnehmen. Dabei haben wir aus gutem Grund verschiedene Sinnesorgane, die für alle Menschen gleichermaßen wichtig sind.“ Ines Langemeyer, Professorin für Lehr-Lernforschung am Karlsruher Institut für Technologie, macht im Interview mit dem SPIEGEL klar, warum die Theorie der Lerntypen so unsinnig ist. Allein die Typologie an sich ist unlogisch: Um den Lernstoff zu verarbeiten, muss man ihn vorher irgendwie aufnehmen – der kognitive Lerntyp muss also auch ein Sinnesorgan benutzen und kann deshalb nicht klar von den anderen drei Lerntypen abgegrenzt werden. Und verarbeitet nicht jeder Lerntyp das Gelernte auch durch Nachdenken, nachdem es aufgenommen wurde? 

Hinzu kommt, dass die Lerntypen keinerlei wissenschaftliche Evidenz haben. Schlimmer noch: In zahlreichen Studien wurde die Wirkungslosigkeit von Lerntypentests und der Einteilung in Lerntypen bewiesen!  

Die dunkle Seite der Typologie

Das kann sich sogar negativ auf die Lernleistung auswirken. Philip M. Newton, Neurowissenschaftler und Leiter der Abteilung Lernen und Lehren an der Swansea University Medical School, und sein Student Atharva Salvi haben relevante Studien zu dem Thema geprüft und ihre Ergebnisse im Fachmagazin „Frontiers in Education“ veröffentlicht. Auch sie kamen zu dem Schluss, dass kein praktischer Effekt der Lerntypen nachweisbar sei. Trotzdem glauben 89.1% der befragten Lehrkräfte noch immer an diese Theorie. „Dieser offenbar weit verbreitete Glaube an eine unwirksame Lehrmethode hat in der Bildungsgemeinschaft Besorgnis ausgelöst. Ein Teil der Besorgnis rührt von der Auffassung her, dass die Verwendung von Lerntypen tatsächlich schädlich ist“, so Newton und Salvi. „Es wird befürchtet, dass die Lernenden durch die Zuordnung zu einem Lernstil in eine Schublade gesteckt oder demotiviert werden. So könnte ein Schüler, der als auditiver Lerner eingestuft wird, zu dem Schluss kommen, dass es keinen Sinn hat, ein Studium oder eine Karriere in visuellen Fächern wie Kunst oder schriftlichen Fächern wie Journalismus anzustreben, und daher in diesen Fächern demotiviert sein.“ 

Lernen mit allen Sinnen 

Wie kann man also effektiv lernen? Wichtig ist Abwechslung, Spannung und die Mischung verschiedener Lernkanäle. Die Französischvokabeln bleiben besser im Kopf, wenn Sie diese zuerst leise lesen, dann laut vorlesen und dann Sätze bilden, in denen genau diese Wörter vorkommen. Den Aufbau einer Körperzelle können Sie sich erst als Schaubild aufzeichnen, dann ein Video dazu anschauen und dann ein Opfer finden, dem Sie die Strukturen ausführlich erklären können. Und die binomischen Formeln werde ich dank dieses tollen Ohrwurms niemals wieder vergessen. 

Durch einen ganzheitlichen Lernansatz schaffen Sie Verknüpfungen, finden neue Zusammenhänge und erfassen das Gelernte mit allen Sinnen – und damit bleibt der Lernstoff auch viel länger im Gedächtnis.

Bildquelle Beitragsbild: ©Pixel-Shot/shutterstock.com

Autor

Anna Rüppel

Anna Rüppel ist mit 1,78 m die Größte, wenn es um Ausbildung und Beruf geht. Als Kind war sie kleiner.