Siezen oder duzen – wie halten Sie’s unter Kolleg*innen?

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Fräulein Schnuck ist Fremdsprachenkorrespondentin in einem großen internationalen Unternehmen. Wenn sie mit ihren englischsprachigen Kunden kommuniziert, ist es ihr egal, dass diese sie mit einem neutralen „you“ ansprechen – auch, weil sie weiß, dass dieses kumpelhaft klingende Personalpronomen eigentlich die Höflichkeitsform ist, denn das „Du“ (also „thou“) im Englischen verschwand erst im 17. Jahrhundert aus dem allgemeinen Sprachgebrauch und wurde durch das „Sie“ (also „you“) ersetzt. In ihrer Muttersprache hingegen mag es Fräulein Schnuck, von ihren Kolleginnen und Kollegen gesiezt zu werden. Allerdings gehört Fräulein Schnuck mit ihrer Vorliebe zu einer Minderheit. Nur 3,8 Prozent der Deutschen ist mit den Kolleg*innen per Sie, fand das Jobportal Indeed 2016 heraus. 70,4 Prozent duzen sich im Job.

Schweißt das Duzen ein Team zusammen oder gibt es Respekt für den Chef oder die Chefin nur durchs Siezen? Mal wieder sind wir uns in der Redaktion nicht ganz einig.

Nadine Elbert ist in dieser Hinsicht ein bisschen altmodisch: Sagen Sie „Sie“ zu mir, bitte!

Komisch war das schon irgendwie, als uns unsere Deutschlehrerin Frau Schauer-Englert, die uns schon seit der Unterstufe begleitete, in der zehnten Klasse plötzlich das „Sie“ anbot. Normalerweise läuft das ja umgekehrt ab: Man siezt sich lange unter Kolleg*innen, bis man nach einigen gemeinsam geschlagenen Schlachten irgendwann – vielleicht auf der Weihnachtsfeier – zum „Du“ übergeht.

Dennoch nahmen wir damals, Mitte der Neunziger, das Angebot von Frau Schauer-Englert dankend an. Denn wir fühlten uns endlich erwachsen, angekommen im privilegierten Kreis derer, die nicht mehr als Kinder galten. Wir waren fast volljährig, die beste Zeit unseres Lebens stand uns bevor. Wir würden bald eine Ausbildung machen, unser erstes eigenes Geld verdienen und damit tun können, was wir wollen. Duzen klang für uns nach Kindergarten, Sandburgen bauen und dem Gegenüber mit der Schaufel auf den Kopf hauen, wenn er uns mal wieder unsere Förmchen geklaut hatte. Solche Rituale gehörten ab jetzt der Vergangenheit an. Meinungsverschiedenheiten wurden ab sofort zivilisiert mithilfe von Argumenten ausgetragen.

Höfliche Distanz für professionellen Umgang

Auch im Job hilft die höfliche Ansprache, eine gewisse Distanz zu wahren, welche den professionellen Umgang miteinander erleichtert. Hand aufs Herz: Bei engeren Bekannten wird man eher mal unwirsch als gegenüber Menschen, die einem nicht so nahestehen, nicht wahr? Mein Kollege muss nicht mein bester Freund sein, mit dem ich mich nach der Arbeit noch auf ein Bier in der Stammkneipe treffe und Privates bespreche. Während der Arbeitszeit fokussiere ich mich gerne auf die Jobthemen und will Projekte vorantreiben. Ich persönlich mag es einfach, Arbeit und Privatleben zu trennen. Das Siezen hilft mir dabei.

Hierarchien sorgen für Ordnung im Unternehmen

Gerade gegenüber meinem*r Vorgesetzten finde ich es angebracht, mit dem „Sie“ einen gewissen Respekt zu zeigen. Ich bin ein Freund von Hierarchien, in denen sich dennoch jeder mit seinem Wissen und Fähigkeiten einbringen kann. Ein Unternehmen verstehe ich als Uhrwerk, in dem jedes Rädchen mit den anderen ineinandergreift, um reibungslos zu funktionieren. Dabei gibt es nun einmal kleine und große Rädchen.

Ein Kompromiss: das „Hamburger Sie“

Ein guter Kompromiss, falls Sie das „Sie“ verbunden mit dem Nachnamen etwas zu gestelzt empfinden, ist das sogenannte „Hamburger Sie“. Dazu bleibt man bei der förmlichen Anrede „Sie“, kombiniert diesen aber mit dem Vornamen des*r Angesprochenen, à la „Nadine, könnten Sie mir bitte das Wasser reichen?“. Damit könnte sogar ich mich anfreunden.

Obwohl ich zum Siezen-Duzen-Konflikt im Berufsleben eine klare Meinung habe, gibt es einen Augenblick, in dem ich mir nichts sehnlicher wünsche, als mit einem „Du“ angesprochen zu werden: Wenn mich Kinder in öffentlichen Verkehrsmitteln duzen, hüpft mein Herz – und ich fühle mich gleich zehn Jahre jünger.

Tanja Höfling

Tanja Höfling ist froh, weder Eltern noch Kolleg*innen siezen zu müssen

Ich finde, das „Du“ ist das „Sie“ unserer Zeit. Ebenso wie im Englischen das „thou“ zum „you“ wurde. „Das ist ja mal kein Argument, nur weil die Leute in englischsprachigen Ländern vor Jahrhunderten vom Sie zum Du übergangen sind, müssen wir das nicht auch tun“, werden Sie jetzt vielleicht denken. Darauf antworte ich: Wie fänden Sie es, wenn Sie Ihre Eltern siezen müssten? Genau, ziemlich komisch.

Das war aber sogar noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ganz normal – ein „Du“ gegenüber Vater und Mutter wäre damals undenkbar gewesen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein siezten die Sprösslinge ihre Eltern ganz selbstverständlich. Liebe und Verständnis standen in der Erziehung von Kindern kaum auf dem Programm, stattdessen Gehorsam und Anpassung an die Erwachsenenwelt. Die Hierarchie wurde eben auch durch das förmliche und distanzierte „Sie“ von Kindern zu ihren Eltern gepflegt. Aber nun ein Sprung ins Hier und Jetzt.

Begegnung auf Augenhöhe

In einer ganz normalen Arbeitswoche verbringe ich mehr Zeit mit meinen Kolleg*innen als mit meiner Familie und Freunden. Klar, manche der Mitstreiter im Job stehen einem näher als andere – trotzdem teile ich fast den ganzen Tag mit den Kolleg*innen. In erster Linie sehe ich in meinem Kollegen oder meiner Kollegin den Menschen und nicht die Funktion, die er oder sie im Unternehmen hat. Und wenn man sich menschlich, in flachen Hierarchien und auf Augenhöhe begegnet, stört mich die künstlich angelegte Stufe eines distanziert wirkenden „Sie“.

Respekt entsteht nicht durch ein „Sie“

Das vielgefeierte Argument der Siez-Freunde, man hätte durch das kleine Wörtchen mehr Respekt voreinander, halte ich für rundweg falsch. Achtung vor jemandem hat man oder hat man nicht, ob man ihn siezt oder duzt ist da völlig egal. Aber wenn der Respekt tatsächlich mit dem „Du“ einfach wegschmilzt wie das Eis in der Sonne, bin ich ab sofort dafür, dass wir uns alle, wirklich alle siezen. Denn sonst würde das ja bedeuten, ich habe weniger Achtung vor meiner Mutter, die ich duze, als vor Kolleg*innen, die ich sieze.

Es gibt auch Anlässe zum „Siezen“

Eines möchte ich an dieser Stelle noch klarstellen: Ich finde es durchaus angenehm, von fremden Menschen gesiezt zu werden. Und auch Stellenanzeigen, die ihre potenziellen Bewerber*innen mit „Du“ ansprechen, finde ich maximal für Arbeitssuchende bis Mitte 20 ansprechend.

Menschen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe, möchte ich aber mit einem flapsigen, lockeren „Du“ ansprechen dürfen. Übrigens: Mit einem „Sie“ auf den Lippen haben sich die 15 Prozent derjenigen, die ihren Partner am Arbeitsplatz kennengelernt haben, sicher nicht auf einen Drink nach Feierabend verabredet.

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