Zeitarbeit: Das Geschäft mit den Leihkräften

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Zeitarbeit könnte so schön sein. Die Unternehmen sind flexibler und finden schnell qualifizierte Mitarbeiter. Arbeitnehmer sammeln erste Berufserfahrung und bekommen dann eine Festanstellung in einem Unternehmen, das zu ihnen passt. Es gibt viele Vorteile – und doch werden Zeitarbeiter oft ausgenutzt und schlecht behandelt. In der Dokumentation „Die dunkle Seite der Zeitarbeit deckt ZDFzoom die Missstände der Branche auf.

Über eine Million Menschen in Deutschland sind Zeitarbeiter. Die meisten haben gute Arbeitsbedingungen. Aber es gibt auch schwarze Schafe: Firmen, die alles tun, um möglichst viel Profit aus den Leiharbeitern zu schlagen. Da wird getrickst, gelogen und betrogen – auf Kosten der Arbeitnehmer.

Jeder darf eine Zeitarbeitsfirma gründen

„Wenn Sie mich nach meiner ganz persönlichen Meinung fragen, dann würde ich mir wünschen, dass die Eingangshürde, um überhaupt erstmal ein Unternehmen in der Zeitarbeitsbranche gründen zu können, hochgesetzt wird“, meint Manuela Schwarz, die im Bundesvorstand des Verbandes der Zeitarbeitsfirmen sitzt, in der ZDF-Doku. Man muss dafür nämlich keine Fachkenntnisse nachweisen – in Deutschland darf jeder einen Verleihbetrieb gründen. Durch die geringen Auflagen kann das System natürlich leicht missbraucht werden.

Gespart wird am Arbeitsschutz und am Lohn

42 Prozent der Zeitarbeiter sind in der Produktion tätig. Gerade hier ist der Ausländeranteil sehr hoch. Manche Unternehmen nutzen das aus: Ausländische Mitarbeiter kennen nicht alle Rechte oder verstehen die Dokumente nicht, die sie unterschreiben. So werde in seinem Betrieb keine Schutzkleidung gestellt, obwohl die Arbeitnehmer dafür unterschreiben, kritisiert ein Insider. Ein anderer Zeitarbeiter berichtet von seiner Arbeit in einer Schweißerei. Zehn Euro weniger als seine festangestellten Kollegen bekomme er – entgegen des Tarifvertrags. Als er seinen Chef darauf ansprach, sei die Antwort ernüchternd gewesen: „Wenn es Ihnen nicht passt, dann können Sie gehen.“

Neue Regelungen stärken die Arbeitnehmerrechte

Dabei wurden die Gesetze für Zeitarbeiter in den letzten Jahren verbessert. 2018 trat eine Änderung im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz in Kraft. Nach 18 Monaten im Unternehmen müssen die Arbeiter übernommen werden. Ein faires Gehalt gibt es schon vorher: nach neun Monaten muss das Lohnniveau dem eines Festangestellten entsprechen. Gesetze bewirken aber nur etwas, wenn jemand darauf achtet, dass sie eingehalten werden. Nur wenige Leiharbeiter gehen vor Gericht – zu groß ist der Druck, die Familie zu ernähren und den Job nicht zu verlieren. Außerdem versuchen einige Firmen mit allen Mitteln, die „Equal Pay“-Regel zu umgehen: kurz vor Ablauf der neun Monate wird der Leiharbeiter einfach einem anderen Kunden zugewiesen und die Frist beginnt von neuem.

Jeder zehnte Betrieb fällt negativ auf

Professor Klaus Dörre forscht an der Universität Jena über die Missstände in der Zeitarbeit. Bei Untersuchungen würde jedes zehnte Unternehmen negativ auffallen: „Es geht bis dahin, dass der Lohn nicht gezahlt wird, dass Arbeitsschutzregelungen nicht eingehalten werden, dass Akkordbestimmungen nicht eingehalten werden, und das geht auf Kosten der Gesundheit.“ Auch wenn ein Mitarbeiter krank wird, gebe es häufig Probleme. Manche Unternehmen gingen sogar so weit, die Krankentage einfach von den Urlaubstagen abzuziehen, um kein Krankengeld bezahlen zu müssen.

Die Kontrollen reichen oft nicht aus

Eigentlich ist der Zoll dafür verantwortlich, die Betriebe zu kontrollieren. Bei unangekündigten Kontrollen überprüfen die Beamten die Papiere der Mitarbeiter, die Arbeitsbedingungen und ob der Mindestlohn bezahlt wird. Die Kontrolleure müssen sich aber auf die Aussagen der Zeitarbeiter verlassen – wenn diese die Missstände nicht angeben, kann auch nichts unternommen werden. Die Bundesagentur für Arbeit dagegen kontrolliert die Zeitarbeitsfirmen, also die Verleiher. Hier wird allerdings nur geprüft, ob alle Auflagen erfüllt wurden, nicht, ob die Zeitarbeiter fair behandelt werden. Außerdem gibt es zu wenige Prüfer, um alle Verleihbetriebe regelmäßig zu kontrollieren. Das berichtet auch die Süddeutsche Zeitung im Artikel „Zu wenig Prüfer für Kontrolle von Leiharbeits-Firmen“ von Henrike Roßbach. Rechnerisch sei ein Kontrolleur nämlich für mehr als 600 Unternehmen zuständig. So müsse ein Betrieb nur etwa alle zehn Jahre mit einem Besuch der Bundesagentur rechnen.

Natürlich sind die Negativbeispiele nur Ausnahmen – die meisten Betriebe arbeiten sauber. Den Mitarbeitern, die strategisch ausgenutzt werden, hilft das allerdings wenig. Schärfere Kontrollen, strengere Gesetze und mehr Möglichkeiten, gegen den Arbeitgeber rechtlich vorzugehen, wären ein guter Ansatz. Wer sich näher für das Thema interessiert, bekommt in der Dokumentation „Die dunkle Seite der Zeitarbeit“ einen interessanten Einblick in die Branche.

Autor

Anna Rüppel

Seit April 2019 macht Anna Rüppel den Auszubildenen das Leben ein bisschen einfacher – mit Tipps und Neuigkeiten zu den Themen Ausbildung, Studium und Beruf.