Dresscode im Homeoffice: Anzug oder Schlabberlook?

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Tim hatte sich perfekt auf die Skype-Konferenz vorbereitet: die Präsentation war überprüft, die Namen der Gesprächspartner verinnerlicht und alle Argumente zurechtgelegt. Es ging schließlich um einen wichtigen Deal. Tims einziges Problem: er trug keine Hose. Als Freelancer im Homeoffice mochte er es lieber luftig. Sein Fauxpas fiel erst auf, als er aufstand, um seinen Stift aufzuheben. Danach verabschiedeten sich die potentiellen Geschäftspartner sehr schnell…

Was lernen wir aus Tims Geschichte? Auch im Homeoffice sollte man immer eine Hose tragen! Aber muss es eine Anzughose sein oder reicht eine löchrige Jogginghose? Darf man ungeduscht mit Pickelcreme im Gesicht am Schreibtisch sitzen? Darüber wird in unserer Redaktion kontrovers diskutiert.

Nadine Elbert meint: Kleider machen Leute – auch im Homeoffice!

Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mich jetzt für einen Spießer halten – meine Maxime lautet: Kleider machen Leute. Diese Regel sollten Sie nicht nur in der Öffentlichkeit befolgen, sondern auch im Privaten, innerhalb Ihrer eigenen vier Wände. Denn es gibt einige gute Gründe dafür, sich auch im Homeoffice adrett zu kleiden.

So wie sich – mehrere Studien belegen das – unsere Körperhaltung auf unser Gemüt auswirkt, verhält es sich auch mit unserer Kleidung. Eine aufrechte Position lässt uns Aufgaben in Angriff nehmen, mit erhobenem Haupt gehen wir Probleme problemlos an, ein Lächeln – selbst wenn es aufgesetzt ist – macht uns gute Laune. Ebenso erzieht uns das Business-Outfit zur Disziplin. Die ausgebeulte Jogginghose oder – noch schlimmer – die Pyjamahose signalisiert: Relax, chille, entspanne Dich! Hier ist der Weg zurück ins Bett nicht mehr weit.

Um dieser Verlockung zu widerstehen, ist es wichtig, neben der räumlichen Trennung auch eine mentale Trennung von Arbeit und Freizeit zu schaffen. Selbstverständlich assoziieren wir unser Zuhause eher mit angenehmen Aktivitäten als mit Arbeit. Nicht alle Menschen, die im Homeoffice arbeiten, haben einen gesonderten Raum zur Verfügung, in dem sie sich ein professionelles Büro einrichten können. Oft muss der Küchentisch als temporärer Arbeitsplatz herhalten. Gerade hier ist „Arbeitskleidung“ hilfreich: Trägt Papa Schlips, ist auch für den Nachwuchs klar, dass gerade kein guter Moment für gemeinsames Spielen ist.

Knigge-Experten empfehlen, im Homeoffice immer zumindest ein Business-Teil zu tragen. Das heißt, Frauen können zum Bleistiftrock ein bequemes Oberteil wählen, Männer kombinieren das weiße Hemd mit einer lässigen Jeans. So sind Sie auch im Falle eines Kundenbesuchs gewappnet, indem Sie schnell das Komfort-Kleidungsstück wechseln und somit komplett tageslichttauglich sind. Auch eine spontan anberaumte Skype-Konferenz dürfte für Sie so nicht zum Fallstrick werden.

Abgesehen von dem Vorteil, den ein schickes Homeoffice-Outfit beim unerwarteten Kontakt zu unseren Mitmenschen mit sich bringt, hat die Wahl der Kleidung auch etwas mit Respekt vor sich selbst zu tun. Ich persönlich finde es einfach schöner, einem Spiegelbild zu begegnen, das frisch geduscht ist, Zähne geputzt hat, ein gepflegtes Äußeres vorweist und hübsch gekleidet ist, als morgens von einem Zombie mit fettigen Haaren und verwaschenem Schlafshirt mit Take That-Schriftzug begrüßt zu werden.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – es muss nicht zwingend der Dreiteiler mit Krawatte sein, um auch im Äußeren Contenance zu zeigen. Manchmal reicht auch ein Detail, damit Sie sich „businesslike“ fühlen. Und sind wir doch mal ehrlich: Bietet das Homeoffice nicht die einmalige Gelegenheit, diese schicken, pinken High-Heels zu tragen, ohne dabei Blasen zu bekommen?

Nein, meint Anna Rüppel: Warum sollte ich mich in ein unbequemes Kostüm zwängen?

In der Arbeitswelt ist die Fassade alles. Viel zu oft kommt es nicht auf die Leistung an, sondern auf die Ausstrahlung, das Aussehen und die Selbstvermarktung. Attraktive Menschen finden schneller einen Job und bekommen mehr Gehalt. Bei Frauen gibt es sogar einen Zusammenhang zwischen der Länge der Beine und der Höhe des Lohns! Will ich da tatsächlich mitmachen und mich auch zu Hause auftakeln, nur, weil es von mir erwartet wird?

Im Homeoffice geht es nicht darum, welches Outfit ich trage, ob meine Haare perfekt sitzen oder wie lang meine Beine sind – hier zählt allein das Ergebnis meiner Arbeit. In bequemer Kleidung kann ich einfach effizienter arbeiten und die Zeit, die ich sonst vor dem Spiegel verschwende, stecke ich lieber in einen neuen Artikel. Das bedeutet nicht, dass ich mit einem löchrigen Pyjama und fettigen Haaren vor dem Schreibtisch sitze – aber wenn sich jemand so am wohlsten fühlt, why not?

Ein häufiges Argument für den förmlichen Homeoffice-Dresscode ist die Arbeitsmoral. Kann man tatsächlich nur konzentriert und effizient arbeiten, wenn man in einem unbequemen, überteuerten Anzug steckt? Muss man sich wirklich verkleiden, um beruflich erfolgreich zu sein? Und erst die Business-Kleidung für Frauen: Bei allen schicken, eleganten Outfits, die ich mir zugelegt habe, war ich am Ende nur mit Zuppeln beschäftigt, weil diese Kleider einfach nie perfekt sitzen. Jeder, der sich in solcher Kleidung wohl fühlt, darf sie natürlich gerne auch zu Hause tragen. Ich bin aber der Meinung, dass man am konzentriertesten arbeitet, wenn man seine Gedanken seinem Job widmet – und sie nicht an seine Kleidung und sein Aussehen verschwendet.

Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Wenn Sie zu Hause Kunden empfangen, sollten Sie den Jogginganzug im Schrank lassen. Und auch in Skype-Meetings ist ein anständiges und vollständiges Outfit Pflicht (obwohl 11 Prozent der Teilnehmer in Telefonkonferenzen keine Hose tragen – kleiner Fun Fact für die nächste TelKo). Wenn Sie aber niemand sieht: Tragen Sie, was Sie wollen und worin Sie sich am wohlsten fühlen. Selbst, wenn das der löchrige Pyjama ist – ich verurteile Sie nicht!

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