Hospizarbeit – leben bis zum Tod

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Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, das wissen wir alle. Die Tage, die dazwischen liegen, sind kostbar. Das wird uns immer dann blitzartig klar, wenn wir selbst erkranken oder ein geliebter Mensch stirbt. Gäste eines Hospizes, die Angehörigen und Mitarbeiter*innen sind Abschiednehmende. Diese Zeit wird aber dort nicht als das Warten auf den Tod begriffen, sondern als ein ganz eigenständiger Lebensabschnitt – für ein Leben in Würde bis zum letzten Tag.

Viele Menschen haben Angst vor dem Besuch im Hospiz. Und das ist erstmal verständlich, denn die Konfrontation mit der Endlichkeit des menschlichen Lebens ist dort unausweichlich. Trotzdem ist ein Hospiz alles andere als ein furchtbarer oder trostloser Ort. An meine Besuche als Physiotherapeutin im Hospiz erinnere ich mich gerne – obwohl es ohne Frage auch sehr traurige Momente dort gab.

Ein Konzert zum Abschied

Ich denke zum Beispiel mit einem Lächeln an eine leidenschaftliche Sängerin, deren Wunsch es war, ein letztes Konzert zu geben. Ich erinnere mich noch sehr genau an die unglaubliche Energie, mit der diese junge Frau ihr Abschiedskonzert gemeinsam mit Mitarbeiter*innen des Hospizes, Angehörigen und Freund*innen vorbereitet hat – voller Freude und Enthusiasmus. Ja, sie musste sich zwischendurch immer wieder hinlegen, ihre Stimme war nicht mehr so stark und klar, es kamen Zweifel auf, ob sie das alles noch schaffen würde. Sie hat es geschafft. Ein unvergessliches Erlebnis, eine schöne Erinnerung und ein emotionaler Abschied.

Familie und Freund*innen immer dabei

In seinem Zimmer war immer was los – mit seinen griechischen Wurzeln und südländischem Temperament ausgestattet, waren Freunde und Familie tagtäglich an seiner Seite. Nicht selten waren Zimmer und Terrasse voller Menschen – so, wie er es gerne mochte. Er liebte es, Geschichten von der Zeit auf dem Bau zu erzählen, immerhin hatte er rund 30 Jahre seines Berufslebens auf Baustellen verbracht. Die Beziehungen zu Frauen waren nicht immer einfach und seine Kinder waren sein ganzer Stolz. Zu seinem Geburtstag plante er eine große Feier im Hospiz. In den Wochen, in denen ich ihn dort begleiten durfte, ging er mit Freunden zum Essen, in den Biergarten, machte Ausflüge – er kostete das Leben aus, soweit es ihm möglich war. Zu den geliebten Olivenhainen seines Onkels hat er es nicht mehr geschafft. Die Dose mit gefüllten Weinblättern, die er mir geschenkt hatte, stand lange noch in meinem Küchenschrank.

Ein großer Tisch, ein Klavier, der Kater und frischgebackener Kuchen

Wenn ich das Hospiz betrat, kam mir meist zuerst der Geruch leckeren frischgebackenen Kuchens in die Nase, der Kater lag auf der Couch und verbreitete eine unglaubliche Ruhe. Eine Zeit lang kam einmal in der Woche ein Pianist und spielte auf dem Klavier im Gemeinschaftsraum, in dem sich auch der große Esstisch für mindestens 10 Personen und die Küche befand. Die gute Seele des Hospizes, die die irreführende Bezeichnung „Hauswirtschafterin“ trug, versuchte, alle Wünsche, besonders was das Essen betraf, zu erfüllen. Da gab es am späten Abend noch eine Bratwurst, zum Nachmittag die ersehnte kühle Orange oder ein besonderes Eis.

Im Hospiz geht es darum, auf den Gast (so werden Bewohner*innen im Hospiz genannt) einzugehen und ihm oder ihr eine möglichst angenehme Zeit zu schenken. Hier gibt es keine vorgegebenen Essenszeiten, keine sturen Tagesabläufe oder Schlafens- und Wachzeiten. Hier steht der Mensch mit all seinen Bedürfnissen, Wünschen und Ängsten im Mittelpunkt.

Hand in Hand – mit Ruhe und Wertschätzung

Die Pflegekräfte, Ärzt*innen, Therapeut*innen, Sozialpädagog*innen, Seelsorger*innen und ehrenamtliche Hospizbegleiter*innen arbeiten hier Hand in Hand. Hierarchien gibt es hier nicht. Jede*r erfüllt seine Aufgabe, so gut er*sie kann – zum Wohle der Gäste. Natürlich gibt es auch Tage, an denen nicht alles reibungslos läuft, an denen es Meinungsverschiedenheiten gibt. Dadurch, dass die Pflegekräfte nur wenige Gäste zu versorgen haben – diese aber intensiv – herrscht aber kein reges Treiben und Umherrennen auf den Gängen, sondern eine ruhige und wertschätzende Atmosphäre.

Angehörige dürfen bei ihren Lieben übernachten, die Zimmer sind so geschnitten, dass ein Gästebett hineinpasst. In dem Hospiz, in dem ich arbeitete, gibt es zusätzlich ein eigenes Zimmer für Gäste. Hier bekommen auch Angehörige eine warme Mahlzeit und treffen fast immer auf ein offenes Ohr, wenn sie ein Gespräch suchen.

Das Arbeiten als Physiotherapeutin im Hospiz ist anders als in einem Krankenhaus oder in einer freien Praxis. Die Behandlungen sind zu 100 Prozent auf den*die Patient*in ausgerichtet. Hier geht es vor allem darum, den Menschen etwas Gutes zu tun – das zu tun, was sie gerade in diesem Moment brauchen. Das kann eine sanfte Lymphdrainage sein, die die gestaute Flüssigkeit aus den Beinen transportiert, eine entspannende Massage oder die Bewegung an der frischen Luft. Wenn die Beweglichkeit und die Kraft nachlassen, ist die Berührung etwas, worauf sich fast alle Gäste sehr freuen.

Ich habe das Hospiz als einen Ort der Begegnung erlebt. Freude, Dankbarkeit, Wehmut und Trauer sind hier ganz eng miteinander verbunden.

Sie können sich vorstellen, im Hospiz zu arbeiten? Weitere Informationen zur Hospizarbeit finden Sie auf der Seite des Deutschen Hospiz- und Palliativ Verbandes (DHPV).

Bildquelle Beitragsbild: © Neil Bussey /shutterstock.com

Autor

Tanja Höfling

Seit Juli 2017 informiert die Online-Redakteurin des Euro Akademie Magazins regelmäßig über Aktuelles und Wissenswertes zu den Themen Ausbildung, Studium und Beruf.