Weltentdecken Teil III: So lernt die Welt

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Nachdem wir in den letzten beiden Wochen leckere Frühstücksideen entdeckt, und gelernt haben, dass alle Kinder der Welt doch ganz ähnliche Spiele spielen, beginnt heute der Ernst des Lebens. Im dritten Teil unserer Weltentdecken-Serie schauen wir uns Schulen rund um den Globus an. Denn auch hier gibt es eine Vielzahl von Ansätzen, Erfahrungen und Lebensrealitäten – und natürlich eine Menge Gemeinsamkeiten, die uns alle verbinden.

Sherry ist 18 Jahre alt und bereitet sich gerade auf die Gaukao (高考) vor, die chinesische Zulassungsprüfung zur Universität. Das bedeutet: Pauken, pauken, pauken – auch nachmittags und am Wochenende. Freizeit kennt Sherry kaum, denn nur die Allerbesten dürfen auf die Universität. Die 14-jährige Inderin Rani dagegen ist froh, wieder lernen zu dürfen. Nachdem in ihrer Region durch eine Dürre die Ernte ausfiel, hatte die Familie nicht mehr genug Geld, um alle Kinder in die Schule zu schicken. Ranis Bruder durfte weiter lernen, die vier Schwestern mussten sich eine Arbeit suchen. Dank der Hilfe der SOS-Familienstärkung bekommt die Familie nun finanzielle Unterstützung – und Rani darf wieder zur Schule gehen! Zwei Erfahrungen, die zeigen, wie unterschiedlich Schulbildung in verschiedenen Ländern bewertet wird.

Vom Privileg der Bildung

Egal, ob Sie noch zur Schule gehen, eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren oder auf dem zweiten Bildungsweg beziehungsweise in einer Fort- oder Weiterbildung im Erwachsenenalter wieder die Schulbank drücken: Wenn morgens der Wecker unbarmherzig klingelt, ist die Vorfreude auf die Schule nicht immer groß. Dabei sollten wir den selbstverständlichen Zugang zu Bildung in Deutschland als das schätzen, was er ist: ein Privileg. Denn weltweit geht jedes elfte Kind im Alter von 6 bis 11 Jahren nicht zur Schule. Mehr als 34 Millionen dieser Kinder leben in Afrika südlich der Sahara, wo es in den Schulen auch oft am Nötigsten fehlt: Ein großer Teil der Bildungseinrichtungen haben kein Trinkwasser, keine Waschgelegenheiten, keine Computer und keinen Internetzugang.

Die Folgen sind gravierend: 617 Millionen Kinder und Jugendliche erreichen nicht die erforderlichen Grundkenntnisse im Lesen und Rechnen. 750 Millionen Erwachsene sind noch immer Analphabet*innen – zwei Drittel davon Frauen. Da Bildung die wichtigste Voraussetzung für einen Weg aus Armut und Chancenlosigkeit ist, besteht hier dringend Handlungsbedarf. UNICEF hat deshalb eine Strategie entwickelt, um bis 2030 allen Kindern auf der Welt Zugang zu hochwertiger Bildung zu gewährleisten. Und auch Sie können helfen: Indem Sie zum Beispiel Schulhefte oder eine Schule-in-der-Kiste spenden, um Kindern in Krisenregionen die Grundausstattung zum Lernen zu sichern.

China: Digitalisierung und Leistungsdruck

Kommen wir nun aber zu den Ländern, in denen der Gang zur Schule etwas ganz Selbstverständliches ist. China zum Beispiel. Dort stehen die Schüler*innen unter einem enormen Leistungsdruck. Da sich das Land in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt hat, versuchen viele Familien aus bescheidenen Verhältnissen, ihren Kindern den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Dafür sollen sie studieren – doch die Plätze an den Universitäten sind begrenzt. Viele Schulen sind darauf spezialisiert, den Schüler*innen Disziplin beizubringen und sie auf die Abschlussprüfungen zu „drillen“. Bekannt ist zum Beispiel die Schule in Maotanchang (毛坦厂). Von 6:30 Uhr bis 22:30 Uhr geht hier der Unterricht, die Hausaufgaben werden danach erledigt.

Außerdem sind Chinas Schulen vor allem eins: digital. Selbst in abgelegenen Regionen sind die Schulen mit technischem Equipment ausgestattet, durch Online-Unterricht kann ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land ausgeglichen werden. Doch auch die Digitalisierung hat ihre Schattenseiten. Eine Kamera, die die Konzentration der Schüler*innen prüft, eingenähte Computerchips, welche die Leistung im Sportunterricht messen oder die Kontrolle der Hausaufgaben per App – all das könnte die chinesischen Schüler*innen in Zukunft noch mehr unter Druck setzen.

Finnland: Bildung für alle

Finnland ist bekannt für sein gutes Bildungssystem und belegt in der Pisa-Studie regelmäßig einen der vorderen Plätze – und das ganz ohne Leistungsdruck und Drill. An finnischen Schulen stehen viel mehr die Lernenden und ihre persönlichen Stärken und Bedürfnisse im Vordergrund. Bis zum Alter von 15 Jahren werden alle Kinder gemeinsam unterrichtet. Sonderpädagog*innen, Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen unterstützen die Schüler*innen individuell, um die Lücken zwischen verschiedenen Lernniveaus zu schließen. Im Gegensatz zu Deutschland hat der gesellschaftliche Hintergrund also wenig Einfluss auf den Bildungserfolg. Dazu trägt auch bei, dass nicht nur der Schulbesuch, sondern auch die Lernmaterialien, das Mittagessen und der Schulbus kostenlos sind. Chancengleichheit wird auch bei der Inklusion behinderter Kinder großgeschrieben: Schulen in Finnland sind nämlich immer behindertengerecht und barrierefrei.

USA: Gemeinschaft und Teamgeist

Das Schulsystem der USA ist Ihnen sicher aus Film und Fernsehen vertraut. Gerade Teenie-Komödien spielen sich oft in der High School oder auf dem College ab. Aber geht es an amerikanischen Schulen tatsächlich so wild zu? Wahr ist, dass die außerschulischen Aktivitäten in den USA eine große Rolle spielen. Teamgeist und soziale Kompetenzen werden hier ebenso gefördert wie akademische Leistungen. Besonders die High School (Klasse 9-12) ist für die Schüler*innen nicht bloß eine Schule, sondern eine Gemeinschaft, mit der sie sich identifizieren. Da es sich um Ganztagsschulen handelt, findet dort ein Großteil des sozialen Lebens statt: Neben dem Unterricht zum Beispiel in Sportkursen, Theatergruppen oder Debattierclubs. Schon in der High School gibt es keinen festen Stundenplan, sondern ein Kurssystem. Neben den Pflichtfächern wie Englisch und Geschichte können die Schüler*innen zum Beispiel Fächer wie Journalismus, Fotografie oder Webdesign belegen.

Neuseeland: Bildung für Babys

In Neuseeland wird viel Wert auf „Early Childhood Education“ gelegt, also auf das kindgerechte Lernen in Kita und Vorschule. Childcare-Center und Pre-School-Einrichtungen bringen den Kleinen soziale Kompetenzen wie Teilen oder Gruppenarbeit bei. Spielerisch werden auch schon Buchstaben und Zahlen behandelt. Ab fünf Jahren kommen die meisten Kinder in eine Vorschulklasse der Grundschule, in der sie langsam auf den „echten“ Unterricht vorbereitet werden. Nach der Grundschule geht es dann auf einer Secondary School weiter, einer Gesamtschule für alle Schüler*innen. Auch in Neuseeland zählt nicht bloß die akademische Leistung – praktische Erfahrungen und soziale Kompetenzen werden genauso geschätzt. Außerdem sollen sich die Schüler*innen möglichst früh auf ihren späteren Beruf vorbereiten können. Deshalb können sie die Fächer nach ihrem Berufswunsch wählen und Kurse wie Tourismus, Automechanik oder Ernährung belegen.

Welches Verständnis von Bildung gefällt Ihnen am besten – oder sind Sie mit dem deutschen Schulsystem ganz zufrieden? Schule ist schließlich nicht nur Wissenserwerb, sondern immer eng mit der Zufriedenheit der Kinder verknüpft. Wie die mit dem Glücksempfinden im ganzen Land zusammenhängt, erfahren Sie im nächsten Teil unserer Weltentdecken-Serie zum Thema Glück – nächsten Donnerstag im Euro Akademie Magazin.


Bildquelle Beitragsbild: ©Roman Samborskyi /shutterstock.com

Autor

Anna Rüppel

Anna Rüppel ist mit 1,78 m die Größte, wenn es um Ausbildung und Beruf geht. Als Kind war sie kleiner.