Im Gespräch mit Liane Michaelis über Herausforderungen und Vorteile der neuen Pflegeausbildung

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Die generalistische Ausbildung Pflegefachmann*frau ist 2020 auch an der Euro Akademie zum ersten Mal gestartet. Sie hat die Ausbildungsberufe Altenpfleger*in, Kinderkrankenpfleger*in und Krankenpfleger*in abgelöst und in Teilen miteinander vereint. In den ersten beiden Jahren lernen alle Auszubildenden gemeinsam, danach können sie sich auf Altenpflege oder Kinderkrankenpflege spezialisieren, das ist aber kein Muss.

Mit Spannung und Freude

Frau Michaelis, Sie sind zuständig für die Ausbildungen im Bereich Gesundheit & Pflege an der Euro Akademie. Bei Ausbildungsreformen sitzen Sie in der ersten Reihe und unterstützen die Standorte auch bei der Umsetzung neuer Ausbildungen. Sie blicken jetzt auf ein halbes Jahr in der neuen Ausbildung zum*r Pflegefachmann*frau in zurück. Im letzten Jahr hatten Sie ja nicht nur die neue Ausbildung am Start, sondern auch die Pandemie im Rücken. Wie ist der Start gelaufen?

Liane Michaelis hat am erfolgreichen Start der Ausbildung Pflegefachmann*frau an der Euro Akademie intensiv mitgewirkt

Der Start in 2020 ist mehr als gut verlaufen, wenngleich die Lehrkräfte an den Standorten bis einen Tag vor Beginn alle Hände voll zu tun hatten und bei vielen die ab 1. September 2020 gültigen Dokumente erst wenige Tage zuvor freigegeben waren. Der August war ein sehr arbeitsintensiver Monat, angereichert mit gemischten Gefühlen auf allen Seiten, in der Frage ob wir das hinbekommen und trotzdem haben Spannung und Freude auf die Umsetzung überwogen. Und genau diese positive Energie konnten wir unseren neuen Azubis an jedem unserer Standorte zum Start ihrer Ausbildungen entgegenbringen. Einige Standorte haben ihre neuen Azubis in der Pflegeausbildung bereits am Haupteingang der Schule empfangen, haben Zuckertüten verteilt und ein Starterpaket ausgegeben.

Guter Start dank Struktur und Flexibilität

Die Verknüpfung zwischen dem Beginn einer völlig neuen Ausbildung und das eigens entwickelte schulinterne Curriculum haben zudem für einen sehr strukturierten Start der ersten Ausbildungswochen für Auszubildende und Lehrkräfte beigetragen.

Infolge der Pandemiemaßnahmen mussten auch wir, leider, von dem sehr durchgetakteten Ausbildungsplan abweichen, gefolgt in der Umstellung auf Distanzunterricht. Mit Start des ersten Praxiseinsatzes folgten zusätzliche Aufwendungen, sowohl für unsere Auszubildende, als auch für alle Ausbildungseinrichtungen.

Auszubildende mussten nun sehr schnell und mit nur wenig Vorbereitungszeit erfahren, mit pflegebedürftigen Menschen Kontakt aufzunehmen, die zusätzlich unter den extremen Isolationsbedingungen im Fehlen von sozialen Kontakten leiden.

Was hat sich mit der Ausbildungsreform für Auszubildende zum Positiven verändert?

Ziel der Ausbildungsreform ist es, allen Auszubildenden eine qualitativ hochwertige, zeitgemäße und vor allem zukunftsfähige Ausbildung für die Pflege von Menschen allen Altersstufen anzubieten. Mit dem beruflichen Einsatz-, Wechsel- und Entwicklungsmöglichkeiten in allen Bereichen der Pflege, werden nicht nur gesellschaftliche Probleme unseres Gesundheitswesens bewältigt, vielmehr gewinnt der Beruf an gesellschaftlicher Anerkennung und Attraktivität.

Aufwertung der Ausbildung durch „Vorbehaltene Tätigkeiten“

Mit der Berufsreform sind erstmals die „Vorbehaltenen Tätigkeiten“ gesetzlich festgeschrieben. Das heißt, dass die spezifischen pflegerischen Aufgaben nur von Personen mit der Berufsbezeichnung Pflegefachfrau beziehungsweise Pflegefachmann durchgeführt werden dürfen. Die Aufgaben umfassen laut dem neuen Pflegeberufsgesetz die Erhebung und Feststellung des Pflegebedarfs, die Organisation, Gestaltung und Steuerung des Pflegeprozesses sowie die Analyse, Evaluation, Sicherung und Entwicklung der Qualität der Pflege. Die Zuschreibung vorbehaltender Tätigkeiten ist ein weiterer Punkt, der zu einer Verbesserung der Pflegeausbildung beiträgt.

Auszubildende können zudem die im Gesetz verankerte Verpflichtung der Praxisanleitung, als ein verlässliches Qualitätskriterium ihrer Ausbildung bewerten. Die Praxisanleitung hat in jedem der Pflichtpraxiseinsätze im Umfang von 10 Prozent zu erfolgen und wird von Pflegefachkräften mit einer berufspädagogischen Weiterbildung durchgeführt. Zudem werden alle Praxiseinsätze durch Lehrkräfte der Pflegeschule fachlich begleitet.

Was sind die größten Herausforderungen in diesem neuen Ausbildungsgang?

Die größten Herausforderungen liegen in der Umsetzung und hier mehr im Detail. Die Ausbildung setzt die enge Zusammenarbeit zwischen Pflegeschule und auszubildender Einrichtung voraus. Die Zusammenarbeit wird in gemeinsamer Ausgestaltung der Ausbildung in einem Kooperationsvertrag schriftlich fixiert.

Regionale Zusammenschlüsse in Form von Ausbildungsverbünden unterstützen hierbei ein koordiniertes und aufeinander abgestimmtes Vorgehen. Die Praxiseinsätze müssen in verschiedenen Versorgungsbereichen absolviert werden. Die Schwierigkeit liegt hier im Bereich der zur Verfügung stehenden Kapazitäten an Praxiseinsatzplätzen und geeignetem Pflegefachpersonal zur Übernahme der praxisanleitenden Aufgaben.

Engpässe bestehen hier vor allem in den Praxiseinsätzen der Akutversorgung, in Kliniken und Krankenhäusern. Nadelöhre in den Versorgungsbereichen der Psychiatrie und Pädiatrie können regional, aufgrund der Zulassung weitere geeigneter Einrichtungen, weitestgehend geöffnet werden. Das Problem in der Zusammenarbeit mit Kliniken und Krankenhäuser ist Land auf und ab bekannt und wird in entsprechenden Gremien und Lenkungsausschüssen auch immer wieder auf die Tagesordnung im Finden nach Lösungen gesetzt.

Qualifizierte Praxisanleiter*innen gesucht

Eine weitere Herausforderung sehe ich in den zusätzlichen Aufgaben der Praxisanleitung. Hier bedarf es aus meiner Sicht ein anderes Verständnis für die Praxisanleitung und der Personen, die sich dieser Herausforderung stellen. Letzteres beginnt bei Fragen der Unternehmensstruktur und im Stellenwert der Praxisanleiter innerhalb eines Unternehmens und zieht sich dann weiter bis hin zu Fragen der pädagogischen Befähigung und Anleitung, die eine strukturierte Anleitung des Auszubildenden garantieren.

Hier übernehmen Pflegeschulen mit ihren Lehrkräften einen entscheidende Schlüsselrolle, in Beantwortung vieler Fragen und Problemstellungen. Angebote von Fort- und Weiterbildungen für Praxisanleiter*innen, auch in neuen Formaten, wie zum Beispiel als Blended-Learning-Kurse, unterstützen hier den gemeinsamen Lernprozess.

Welchen Schulabschluss braucht man, um Pflegefachmann*frau zu werden?

Zugangsvoraussetzung ist die Mittlere Reife beziehungsweise der Realschulabschluss. Möglich ist auch eine erfolgreich abgeschlossene landesrechtlich geregelte mindestens 1-jährige Helferausbildung, wie zum Beispiel zum*r Altenpflegehelfer*in oder Krankenpflegehelfer*in, in Verbindung mit einem Hauptschulabschluss.

In die Ausbildung zum*r Krankenpflegehelfer*in und Altenpflegehelfer*in kann man also bereits mit einem Hauptschulabschluss starten. Mit abgeschlossener Helferausbildung hat man dann die Möglichkeit, eine Ausbildung zum*r Pflegefachmann*frau zu absolvieren. Werden diese Ausbildungen erhalten bleiben oder gibt es für diese auch Reformpläne?

Ja, die Pflegeausbildungen bleiben im Wandel und in Bewegung, das gilt auch für die Reformierung der bisherigen Helferausbildungen. Helferausbildungen sind in der Regel landesrechtlich geregelte Berufsausbildungen. Das heißt: Die von Expert*innen und im Land erhoffte einheitliche Regelung der Pflegehelferausbildung bleibt damit unerfüllt. In vielen Ländern wird aber bereits an einer generalistischen Pflegehelferausbildung gearbeitet. In Sachsen-Anhalt tritt diese bereits ab dem Schuljahr 2021/2022 in Kraft.

Die Tätigkeiten in der Pflege sind vielfältig. Außer der Geduld im Umgang mit hilfsbedürftigen Menschen braucht man sicher noch einige weitere Eigenschaften, um in diesem abwechslungsreichen Beruf glücklich zu werden. Was sollte eine Auszubildender zum*r Pflegefachmann*frau noch mitbringen?

Neben den genannten Eigenschaften ist eine ausgeprägte Fähigkeit der Selbsteinschätzung und Reflexion voraussetzender Bestandteil.

Können die folgenden Fragen mit „ja“ beantwortet werden, kann man von der Eignung für den Pflegeberuf ausgehen.

  • Lässt mein Werte- und Normenverständnis die Pflege von Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen, Erkrankungen, Hilfebedarfen zu?
  • Bin ich empathisch und kann mir die Pflege von Menschen verschiedener Altersstufen vorstellen?
  • Konnte ich bisher gut im Team und vielleicht auch schon eigenverantwortlich arbeiten?
  • Konnten mich bereits in der Schule Fächer wie Biologie, Chemie und Ethik begeistern und habe ich Interesse an pflegerischen, medizinischen, sozialökonomischen und etischen Problemstellungen?
  • Bringe ich die Bereitschaft mit, an Wochenenden und Feiertagen zu arbeiten?
  • Bin ich ebenso an Verwaltungs- und Dokumentationsarbeiten interessiert?

Welche Chance sehen Sie in der generalistischen Ausbildung Pflegefachmann*frau für die Zukunft in der Pflege und den Beruf der Pflegekräfte?

Die Chancen für Absolventinnen und Absolventen der neuen Pflegeausbildung sind mehr als zukunftsorientiert, gleiches galt aber auch den bisherigen Ausbildungsabschlüssen in der Alten- und Krankenpflege. Der Fachkräftebedarf ist enorm und so konnte und kann jeder Absolvent, jede Absolventin einer Pflegeausbildung davon ausgehen, wenn er die Ausbildung erfolgreich abschließt, ist ihm ein sicheres Beschäftigungsverhältnis mit guten Konditionen und vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten garantiert.

Für Absolventen und Absolventinnen der neuen Pflegeausbildung kommt hinzu, dass der Abschluss EU-weit anerkannt ist und somit auch die Möglichkeit der Arbeitsaufnahme im europäischen Ausland, in Anerkennung der Gleichwertigkeit des Berufsabschlusses, besteht.

Was würden Sie Interessent*innen gerne noch zur Ausbildung zum*r Pflegefachmann*frau sagen?

Wesentliche Dinge habe ich angesprochen. Ergänzen würde ich eine Art Hommage für den Beruf: „Wer eine sinnstiftende berufliche Tätigkeit sucht, mit gesellschaftlicher Verantwortung, die Abwechslung, Herausforderungen und Wandel inne hat, wer Freude an pflegerischen Unterstützungsleistungen findet, wer kommunikativ ist, einen Beitrag zur Professionalisierung Pflegender beitragen möchte und es als persönliche Bereicherung empfindet, sich derart vielseitig weiterbilden zu können, demjenigen würde ich die Ausbildung zum*r Pflegefachmann*frau ans Herz legen.“

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Michaelis.

Sie interessieren sich für eine Ausbildung zum*r Pflegefachmann*frau? An der Euro Akademie können Sie an 12 Standorten bundesweit Ihre Ausbildung absolvieren.

Bildquelle Beitragsbild: © Pixel-Shot /shutterstock.com

Autor

Tanja Höfling

Seit Juli 2017 informiert die Online-Redakteurin des Euro Akademie Magazins regelmäßig über Aktuelles und Wissenswertes zu den Themen Ausbildung, Studium und Beruf.