Tausende Pflegekräfte sind ausgestiegen – sie könnten zurückkommen

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Rund 9000 Pflegekräfte haben ihrem Beruf im letzten Jahr den Rücken gekehrt. Angesichts der ohnehin schon angespannten Lage, aufgrund des Fachkräftemangels und der Corona-Pandemie, ist das fatal. Warum so viele ausgestiegen sind und wie man „alte“ und neue Kräfte für die Herzensaufgabe der Pflege hilfsbedürftiger Menschen (wieder-)gewinnen kann, zeigt eine Studie der Rechtsdepesche für das Gesundheitswesen.

Die Krise unseres Gesundheitssystems und die Arbeitsbedingungen in der Pflege waren schon vor der Pandemie ein Thema. Die Arbeitsbelastung unter Corona hielten viele Pflegekräfte nicht mehr aus, viele weitere zweifeln inzwischen an ihrer Berufswahl. Dabei sind die meisten der von November 2020 bis März 2021 online befragten 1.072 Pfleger*innen mit dem Arbeitsklima zufrieden und zumindest die Hälfte der Beschäftigten fühlt sich gut qualifiziert und weitergebildet. Nach den allgemeinen Arbeitsbedingungen in der Pflege gefragt, liegt die Zufriedenheit bei über der Hälfte der Umfrageteilnehmer*innen im Mittelfeld.

Die größte Unzufriedenheit zeigt sich bei den Fach- und Hilfskräften beim Thema Gehalt und den umfangreichen Dokumentationsaufgaben. Rund 70 Prozent der professionell Pflegenden sind mit der Bezahlung unzufrieden. Fast ebenso viele hadern mit dem Dokumentationswahn, der zu den umfangreichen pflegerischen Aufgaben hinzukommt.

Wertschätzung steht ganz oben

Prof. Dr. Volker Großkopf, Herausgeber der Rechtsdepesche, befürchtet eine weitere Flucht der Pflegekräfte aus dem Beruf, wenn sich nicht bald etwas ändert. Aber was müsste sich eigentlich ändern, damit die Pflegekräfte bleiben und viele neue dazukommen?

Die Frage danach, wie wertgeschätzt sich Pflegekräfte fühlen, taucht in der Studie nicht auf. Dabei ist den allermeisten, nämlich fast 80 Prozent der Befragten, die Wertschätzung ihrer Arbeit besonders wichtig. Bei immerhin mehr als 70 Prozent ließe sich die Zufriedenheit im Job mit mehr Geld erreichen. Rund 60 Prozent gaben in der Umfrage verbesserte Arbeitszeitregelungen als wichtige Maßnahme an.

Wie zeigt man echte Wertschätzung?

Wertschätzung ist zunächst einmal die wohlwollende Anerkennung eines Menschen und dessen Tun. Pflegekräfte leisten einen enorm wichtigen Beitrag im Gesundheitswesen und damit für die gesamte Gesellschaft. Zu Beginn der Corona-Pandemie erfuhren sie ungewöhnlich hohe Aufmerksamkeit durch die Politik und die Gesellschaft. Die vollmundige Ankündigung einer Prämie für Pflegekräfte endete allerdings in einer peinlichen Diskussion, wer diese bezahlen soll. Die Höhe der Sonderzahlung schrumpfte währenddessen und lange nicht alle professionell Pflegenden bekamen ein Stück von dem nicht mehr ganz so süßen Prämienkuchen ab. Was mit großer Wertschätzung begann, endete in kleinkariertem Geschacher.

Neues Berufsverständnis und finanzielle Anerkennung

Wer echte Wertschätzung zeigen will, kann sich weder auf eine Einmalzahlung beschränken, noch lobende Worte für ausreichend erachten. Die neue Ausbildung zum*r Pflegefachmann*frau ist ein Weg, Pflegekräften zu mehr Anerkennung unter Kolleg*innen in anderen medizinischen Berufen und in der gesamten Gesellschaft zu verschaffen. Dazu gehört auch, dass ausschließlich examinierte Pflegekräfte bestimmte Arbeitsbereiche übernehmen dürfen. Liane Michaelis, Produktmanagerin im Fachbereich Gesundheit & Pflege an der Euro Akademie erklärt dazu: „Zu den Kernaufgaben von beruflich Pflegenden gehört die „selbstständige, umfassende und prozessorientierte Pflege von Menschen aller Altersstufen in akut und dauerhaft stationären sowie ambulanten Pflegesituationen“ (§ 5 Abs. 1 PflBG). Gemäß dem Berufsgesetz obliegt die Verantwortung für den Pflegeprozess allein den nach PflBG ausgebildeten Pflegefachkräften. Diese vorbehaltenen Tätigkeiten sind mit allen haftungsrechtlichen Konsequenzen ein Alleinstellungsmerkmal des Pflegeberufs und unterstreichen ein neues und erweitertes Berufsverständnis der Pflege.“

Dieses neue Berufsverständnis fordert aber auch die monetäre, also finanzielle Anerkennung gut ausgebildeter, hochqualifizierter Pflegekräfte. Am Ende lässt sich echte Wertschätzung auf eine einfache Formel bringen: Mehr Geld plus mehr Anerkennung innerhalb der medizinischen Zunft plus höherer Status in der Gesellschaft = zufriedene Pflegekräfte, die gerne in ihrem Beruf arbeiten und Nachwuchs, der auch bleibt.

Bildquelle Beitragsbild: © Onjira Leibe /shutterstock-com

Autor

Tanja Höfling

Seit Juli 2017 informiert die Online-Redakteurin des Euro Akademie Magazins regelmäßig über Aktuelles und Wissenswertes zu den Themen Ausbildung, Studium und Beruf.